Ausgabe September/Oktober 2020

Werdender Raum

KÜNSTLER*INNENSTIMME | Mit dem Heizhaus entsteht in den Uferstudios ein neuer Tanzort, aus dem Geist gemeinsamer Alltags- und Arbeitspraxis.

Palme an der Panke: So imaginiert das Kollektiv neue häute die Uferstudios. Die Café-Bar „Ana Conda am Ufer“ öffnet im September. © neue häute

Zehn Jahre Uferstudios. Zehn Jahre gelebte Utopie. Im ehemaligen Straßenbahndepot in Wedding hat sich ein Tanzort etabliert, an dem unzählige Akteur*innen einander begegnen, an dem diverse Ansätze und Ästhetiken sich bündeln und verweben. Ein Ort des künstlerischen Forschens, des Gemeinsam-Seins und der radikalen Öffnung in den zunehmend festgezurrten Verhältnissen der Stadt. Auf dem 10.000 Quadratmeter großen Gelände vereinen die Uferstudios Tanzproduktion, Ausbildung und öffentliche Veranstaltungen. Feste Partner*innen formen das Fundament des Standorts: das ada Studio, das Hochschulübergreifende Zentrum Tanz (HZT) Berlin, das Tanzbüro Berlin, die Tanzfabrik Berlin und die Uferstudios GmbH als Besitzerin und Betreibergesellschaft. Immer im Werden bleibt das Weddinger Tanzquartier durch vielfältige Kooperationen und die freie Verfügbarkeit zentraler Studios für die Tanzkünstler*innen. Abgeschlossen ist die Entwicklung des Areals dementsprechend nicht: Im ehemaligen Heizhaus entsteht seit 2019 ein weiterer Raum für die Kunst. Konzeptuell beteiligt sind an der Ausgestaltung das Kollektiv PSR und die Gruppe von Künstler*innen und Kurator*innen neue häute. Welche Visionen sie für den prozessbasierten, veränderlichen Experimentierraum haben, schildern sie hier, gemeinsam mit Simone Willeit, der Geschäftsführerin der Uferstudios GmbH.

Texte: neue häute | PSR | Simone Willeit

Mieter gesucht
(Vor Ort sind wir viele)
Zwei Zimmer im Wedding im Herzen einer künstlerischen Gemeinschaft. Neubau mit Denkmalschutz. Blick auf die Panke. Gemeinsame Gartennutzung möglich. Küche mit Geschirrspüler und Dunstabzugshaube vorhanden. Resto & Bar geeignet. Durchgangszimmer und rollstuhlgerechte Toilette. Über den Kiez: Öffentliche Schule, Bibliothek, Parks, Einkaufsmöglichkeiten. Mehrsprachig.
Wir* suchen eine*n Mieter*in, um die innere Architektur des Ortes für herzliche Begegnungen mit gutem Kaffee zu bereichern.
*Wir sind viele vor Ort, die hier arbeiten, wir sind unterschiedlich.

Im Frühjahr 2019 wurden wir – eine lose Gruppe von Künstler*innen und Kurator*innen – eingeladen, auf obigen Aufruf zu reagieren: Sheena McGrandles, Paz Ponce, Silke Bake und Diego Agulló. Wir begegneten einander durch das sich dem Ende zuneigende Agora Collective, das seine Räumlichkeiten in Neukölln aufgeben musste; hier fanden Visionstreffen mit Akteur*innen des Kunstsektors statt, um die Zukunft einer an den Bedürfnissen der Nutzer*innen orientierten Institution zu erörtern, die neue Arten des Zusammenarbeitens ausprobiert. Wir suchten nach einem neuen Ort, um kollaborative Praktiken und alternative Wirtschaftsformen zu etablieren. Der Uferaufruf schien ein Match zu sein. Jo Vávra kam hinzu, eine Designerin und Köchin. Unser gemeinsames Interesse war es, einen Raum zu schaffen für Gemeinschaft, der die Küche als erweiterten pädagogischen Raum zen­tral sieht und der Aspekte des künstlerischen Arbeitens sichtbar macht: Arbeits­prozesse, Wissenstransfers, den Willen zum Teilen, die Zeit zum Verdauen, die feministisch inspirierte Politik im täglichen Management und die Sorgfalt in den Hosting-Praktiken.

neue häute ist ein prozessorientierter kollektiver Forschungsraum, in dem eine Café-Bar (Ana Conda am Ufer – ACaU) und ein LAB als Orte und als Praktiken miteinander verwoben sind: choreografisch-künstlerische und kuratorische Arbeiten werden lokalisiert und kontextualisiert, es entstehen vielfältige partizipative Sphären.

 

PSR ist ein Kollektiv von Tanzkünstler*innen und Kulturarbeiter*innen in Berlin. Wir sind Modjgan Hashemian, Stefan Hölscher, Lea Martini, Sheena McGrandles, Juli Reinartz, Mila Pavicevic und Simone Willeit. Gemeinsam entwickeln wir ein Konzept für das Heizhaus mit Berliner Zimmer (Uferstudio 15 & 16) als Ort für künstlerische Recherche, an dem transparente Kriterien den Zugang für Alle ermöglichen.
Das Heizhaus ist für uns ein Raum für Experimente, Ort der unwahrscheinlichen Begegnungen und Prozesse. Es ist ein chaotischer Spielplatz für alle. Es ist mein Gemeindezentrum, unser Studio, dein Treffpunkt, ihr Denkforum und euer Aufführungsort. Lebenslinien des Heizhauses sind seine Verbindungen nach außen: Es bezieht auch Praktiken mit ein, die in und um die Uferstudios herum stattfinden. Wir unterstützen Projekte, die mehr als eine Gruppe von Menschen umfassen und mit den zeitlichen Konventionen von Veranstaltungen experimentieren. Wenn wir von unwahrscheinlichen Begegnungen sprechen, hoffen wir auf die radikale Durchlässigkeit von künstlerischen, politischen und sozialen Kontexten.
Neben regelmäßigen Angeboten und einzelnen Projekten findet zur Zeit das Residenzprogramm OUR DANCE statt, das im Frühjahr 2021 zu einem Fest einladen wird. In der Zwischenzeit: Kommt und macht das Heizhaus zu eurem Ort, ladet Menschen ein, die ihr schon immer kennenlernen wolltet, befragt eure Praxis, ändert eure Zeitökonomie, teilt etwas, von dem ihr noch nichts wisst. Verbringen wir unsere Zeit anders. Verbringen wir sie gemeinsam.

 

Zehnjährigen Geburtstag feiern, und das in diesem Jahr! Einem Jahr, das unsere gesättigte, „sichere“ Gesellschaft mit einer Gesundheitsbedrohung einholt, einem Jahr, das in sozioökonomischer Hinsicht große Wellen schlagen wird. Einem Jahr, das auch für die Uferstudios wirtschaftlich problematisch ist, in dem die Prekarität alle, für die wir arbeiten und die mit uns arbeiten, noch ­extremer trifft als zuvor. Ein Jahr, in dem das Herz des Tanzes – die Nähe, Berührung, Erschöpfung, der Körper – zur Gefahr wird. Ein Zustand, der zum bio­politischen Brennglas wird und der uns zugleich die Möglichkeit nimmt, ihn auf der Bühne in Kopräsenz mit unserem Publikum zu verhandeln.
Wir sind viele vor Ort, wir sind unterschiedlich. Trotz widriger Umstände wollen wir unseren zehnjährigen Geburtstag und all die neuen Dinge, die kommen werden, am 10.10.2020 gemeinsam feiern! Von harten Anfangszeiten, experimentierfreudigen Partnerinitiativen und waghalsigen Verschuldungen zur Sicherung der Erbpacht bis zum Jahr 2208, über die Konsolidierung unserer Finanzen und Routinen, hin zu neuen Aufbrüchen und der Erweiterung unseres Spektrums an Spielwiesen, Aufgaben und Organisationsmodellen. Sich nie zurücklehnen, sondern das Unvertraute herausfordern, mit Anderen Leerstellen erspüren und ergänzen. Genau diese Multitude hat uns resilienzfähig gemacht und uns auch in diesem Jahr das Überleben gesichert. Es zeigt vielleicht, dass solidarisch gemeinsam entwickelte Modelle zwar anstrengend sind, doch auf Dauer vielleicht den längeren Atem haben (und mehr Spaß machen!).
Simone Willeit, Uferstudios GmbH

Mit Sabine Zahn, Grupo Oito, Johanna Ackva, Christina Ciupke, WILHELM GROENER, Hermann Heisig, Martin Nachbar, Berlin Krump, Zhenya Salinski, Claudia Garbe u.v.m.
10 Jahre Uferstudios für zeitgenössischen Tanz
10. Oktober 2020
Uferstudios
www.uferstudios.com

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