Ausgabe März/April 2019

Szene öffne Dich

Wie steht es um die Zugänge zur Kunstform Tanz, insbesondere auf Seiten der Macher*innen? Wie öffnen sich Ausbildungsinstitutionen des zeitgenössischen Tanzes, um die Vielfalt der Gesellschaft abzubilden? Einige Erkundungen.

"Die Bretter, die die Welt bedeuten", Winkler-Ssempijja © Gerhard F. Ludwig

In den Debatten um den allzu weißen Theaterbetrieb scheint der zeitgenössische Tanz fein raus zu sein, vor allem in Berlin: Internationale Performer*innen auf der Bühne in fast allen Produktionen, eine vielfältige Community an Tanzschaffenden, dazu mit dem Hochschul­übergreifenden Zentrum Tanz (HZT) eine Ausbildungsstätte, die ihren Lehrplan auf postkolonialer und queerer Theorie gründet. Klingt erst einmal gut. Genauer hinzusehen lohnt dennoch, denn Zugänge zu schaffen, heißt auch, Privilegien in Frage zu stellen. Wer befindet sich in leitenden und geförderten Positionen? Wer kann sich tanzen eigentlich leisten und wer nicht? Entstehungsgeschichtlich ist der zeitgenössische Tanz zweifelsohne eine westliche, weiße Kunstform. Wie aber gelingt es ihm, mehr als 100 Jahre nach seiner Entstehung, den Pluralismus der Gesellschaft, in der wir leben, zu reflektieren? Wie baut er Barrieren ab, um sich einer Welt im Wandel zu stellen? Insbesondere mit Blick auf die öffentlich geförderten Hochschulen, die eine Gatekeeper-Funktion haben, gehen Astrid Kaminski und Elena Philipp diesen Fragen ein Stück weit nach.

Astrid Kaminski & Elena Philipp
Journalistinnen

Ende letzten Jahres machte ein Heft die Runde. Über die Tänzerchoreografin Maria Scaroni fiel es auch in die Hände des Autorinnen-Duos. "Questioning Contact Improvisation" heißt der schmale Band von Keith Hennessy. Der für seine Community-Experimente bekannte US-amerikanische Tänzer und Choreograf überlegt darin, warum die Kontaktimprovisation, die zur Standardtechnik des zeitgenössischen Tanzes gehört, vorwiegend weiß und heterosexuell konnotiert ist. "Welche Ausschlusskategorien gibt es?”, fragt er, oder: "Wie reproduziert sich weiße Vorherrschaft?", "Wer hat das Sagen?". Etliche seiner Fragen werden seit einigen Jahren mit Nachdruck gestellt. Andere stehen in der breiten Diskussion nur selten im Fokus: "Wer macht sauber?” zum Beispiel. Oder: "Wenn der Beruf des Tanzschaffenden die Selbst-Prekarisierung voraussetzt, also ökonomische Unsicherheit und soziale Marginalisierung, inwiefern befördern oder verhindern dann die Werte und Ansprüche migrantischer Communities künstlerische Karrieren ihrer Mitglieder?” Heißt: Wer kann und will es sich leisten, als Tänzer*in oder Choreograf*in zu arbeiten? Wer findet einen Zugang zur Kunstform?

Tanzkarriere als Klassenfrage
Wie umfassend Teilhabe gedacht werden muss, ist in der Studie "Handlungsoptionen zur Diversifizierung des Berliner Kultursektors" von Joshua Kwesi Aikins und Daniel Gyamerah nachzulesen. Ziel diversitätsbewussten Handelns müsse es sein, Zugänge zu ermöglichen für Menschen, "die aufgrund unterschiedlicher Ausschlüsse nicht zur Mehrheitsgesellschaft gezählt werden und/oder nicht an öffentlich geförderter Kultur teilhaben", heißt es dort. "Dazu gehören beispielsweise Menschen mit Rassismus­erfahrung, mit Behinderung, mit nicht heteronormativer sexueller Orientierung und/oder Geschlechteridentität sowie Menschen aus beim Bildungszugang und/oder ökonomisch benachteiligten Familien."
Wie die von Aikins und Gyamerah genannten Gruppen derzeit im Tanz vertreten sind, lässt sich nur schätzen – Zahlen zur Diversität im Berliner Kultursektor gibt es nicht, wie die Senatsverwaltung für Kultur auf Anfrage mitteilt und das Projektbüro Diversity Arts Culture bestätigt.

Ein Realitätscheck in der Berliner Szene, der hier nicht weiter ausgeführt werden kann, zeigt, dass einige Anstöße inzwischen sichtbar sind: Unter den öffentlich geförderten Künstler*innen sind bislang noch wenig nicht-westliche und nicht-weiße, aber ihre Zahl steigt. Tanzschaffende mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen gibt es in Berlin bislang nur vereinzelt, aber hier setzt seit kurzem das Förderprogramm Making a Difference an. Wenig Aufmerksamkeit hingegen richtet sich auf sozio-ökonomische Nachteile oder Fragen der Subalternität. Bezeichnenderweise fehlt diese Dimension auch im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, das seit 2006 den Rechtsrahmen bietet, um Benachteiligungen zu verhindern oder zu beseitigen.

Die sozio-ökonomische Ausgangslage ist allerdings ein grundlegender Faktor für den Zugang zum zeitgenössischen Tanz – auf Seite der Macher*innen mehr noch als im Publikum. In den Sozialwissenschaften bekannt ist, dass Kinder, die in der zweiten oder dritten Generation ehemaliger Gastarbeiterfamilien aufwachsen, zunächst auf solide, existenzsichernde Studiengänge wie Ingenieurswissenschaften, Jura oder Medizin bauen. Tanz zählt in diesen Gesellschaftsschichten allenfalls als Freizeitbeschäftigung.

Beobachtet hat das auch die türkisch-armenischstämmige Berliner Choreografin und studierte Soziologin Jasmin İhraç: Wer tanzt, sei eher eine Frage der Klasse als der kulturellen Herkunft oder gar Ethnie. Besonders der zeitgenössische Tanz scheint dabei nur bestimmten Schichten vertraut zu sein oder wird von ihnen gar als Berufsmöglichkeit in Betracht gezogen: "Sagt man, man sei Tänzerin, denken bürgerliche Menschen an Ballett, Menschen außerhalb des ‚Hochkultur-Kontextes’ an Showdance", so İhraç. Zeitgenössischer Tanz werde dabei generell nicht als eigenständige Sparte wahrgenommen.

Finanzielle Barrieren abbauen
Wenn also der zeitgenössische Tanz das Image einer exklusiven bis exotischen Berufswahl hat, wie kann er sich für andere Erfahrungen und Realitäten öffnen? Welche Zugänge gibt es für Menschen unterschiedlicher Herkünfte – insbesondere sozio-ökonomischer – an den öffentlich geförderten Ausbildungsstätten in Berlin?

Eine Zugangs-Barriere stellen zweifellos die Kosten für das Studium dar, selbst wenn im deutschen Hochschulsystem keine exorbitanten Studien­gebühren anfallen und es unterstützende Maßnahmen wie das BAföG gibt. Die Lebenshaltungskosten allerdings müssen Studierende bzw. ihre Angehörigen schultern können. Im zeitgenössischen Tanz gilt, mehr noch als im Ballett, was Steven de Belder von der Brüsseler Tanzhochschule P.A.R.T.S. beschreibt: "Meist wagt sich ans Risiko einer prekär finanzierten Karriere nur, wer sozial und finanziell ausreichend abgesichert ist. Die meisten Studierenden kommen aus sozial stabilen Verhältnissen." Zeit­genössischer Tanz als Berufsperspektive sei zu unsicher für Menschen ohne finanzielles Backup.

An der Staatlichen Ballettschule Berlin hat Schulleiter Ralf Stabel die Initiative ergriffen, um auch Studierenden aus ökonomisch weniger gut aufgestellten Familien eine Ausbildung zu ermöglichen. Für Aufwendungen, bei denen Studienfördermöglichkeiten wie BAföG oder Stipendien wie das der Studienstiftung des Deutschen Volkes nicht greifen, spricht er gezielt vermögende Unterstützer*innen an. Erstellt hat die Schule dafür eine detaillierte Liste von Fördermöglichkeiten, von Taschengeld­zuschüssen bis hin zu den Studienkosten für ein ganzes Semester.

Das Aufbauen eigener Fördertöpfe ist für eine Hochschule allerdings die Kür, keine Selbstverständlichkeit. Wie etabliert die Schulen bereits sind und wie gut ihr Verwaltungsapparat ausgestattet ist, scheint dafür eine Rolle zu spielen. Am HZT ist das Problem durchaus erkannt, aber noch kann die 2006 gegründete Hochschule für zeitgenössischen Tanz keine eigenen Stipendien zur Verfügung stellen. Studierende, die nicht voll von der Familie finanziert werden, sind auf Nebenjobs angewiesen, auf Fördermöglichkeiten aus den Herkunftsländern, die sehr unterschiedlich ausfallen (zwischen einem mit 30.000 Euro jährlich dotierten Fulbright-Stipendium und keinem Cent), oder auf das Deutschlandstipendium. Letzteres deckt mit 300 Euro monatlich zwar nicht annähernd die Lebenshaltungskosten, ermöglicht HZT-Direktor Nik Haffner zufolge aber dennoch eine spürbar größere Konzentration auf das Studium.

Lokale Communities einbeziehen
Was die Spiegelung der pluralistischen, von Migration geprägten deutschen Gesellschaftsstruktur im Profil der Studienanwärter*innen betrifft, beobachtet Nik Haffner – wie im Übrigen auch sein Brüsseler Kollege Steven De Belder –, dass Interessent*innen aus der deutschen Einwanderungsgesellschaft eher selten vertreten sind.

Wer bewirbt sich am HZT? Größerenteils europäisch waren 2018 die 29 Bewerber*innen für den Master Choreografie, wie die für eigene Auswertungen erstellten Statistiken des HZT über die Herkunftsländer der Bewerber*innen zeigen. Beim Master-Studiengang SODA Solo/Dance/Authorship, für den sich 2018 insgesamt 140 Personen bewarben, ist das Bild noch vielfältiger: 12 Studierende kamen aus Deutschland, 64 aus weiteren EU-Ländern, je 15 aus europäischen Nicht-EU-Staaten sowie den USA, zehn aus Brasilien und je neun aus Kolumbien und Südkorea. Studierende aus afrikanischen Staaten gibt es am HZT derzeit keine.

In einem anderen Bereich setze aber inzwischen, so Nik Hafner, eine wahrnehmbare Entwicklung ein: Die Bewerber*innen haben in Bezug auf ihre tänzerische Herkunft diversere Hintergründe. Das hänge vor allem damit zusammen, dass sich das Interesse des HZT an anderen Tanzstilen als dem sogenannten zeitgenössischen Tanz herumspricht. Inzwischen bewerben sich auch Studieninteressierte aus Urban Dance-Kontexten, aus dem Flamenco oder dem indischen Tanz.

Prägend ist in dieser Hinsicht für Haffner die Initiative seines Göteborger Kollegen Mick Willson: An der dortigen Kunsthochschule fiel auf, dass es, wie am HZT oder bei P.A.R.T.S., zwar viele internationale Studienbewerber*innen gab, sich aber so gut wie keine jungen Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund aus Göteborg selbst oder aus Schweden bewarben, obwohl einige dieser Zielgruppen durchaus in der Stadt künstlerisch aktiv waren. Ein blinder Fleck – wie ihn ähnlich auch das Diversifizierungsgutachten von Joshua Kwesi Aikins und Daniel Gyamerah für Berlin anmerkt: "Es gilt, eine diversitätssensible Öffnung nicht auf Internationalität zu reduzieren, sondern die Berliner Glokalität, d.h. die lokal vorhandene, diasporisch international vernetzte Vielfalt, zu adressieren und repräsentieren."

Die Göteborger Hochschule startete eine Kampagne, die sich an die bislang nicht adressierten Gruppen vor Ort wandte. Das Ergebnis: Innerhalb kurzer Zeit stiegen die Bewerbungen aus genau dieser Zielgruppe. Mick Willson begründete die Kampagne damit, dass eine Kunsthochschule eine kulturell aktive Position in einer Stadt einnehme und man diese Position und das Potential nicht an bestimmten Bevölkerungsschichten vorbei leiten, lenken, gestalten sollte. "Dem kann ich sehr zustimmen", so Nik Haffner.

Privilegien in Frage stellen
Am Interesse, mit dem die Befragten sich dem Abbau von Barrieren widmen, zeigt sich, dass Teilhabe ein Thema ist, aber auch: wo die Grenzen des Engagements von Hochschulen liegen. Um breitenwirksam Zugänge zu schaffen, ist die Politik gefordert. Die Umsetzung kann nicht um jeden Preis und gegen jede Hürde den Institutionen überlassen werden.

Allerdings muss auch nicht in jeder Beziehung auf die Politik gewartet werden. Modellsituationen zu schaffen, steht nicht nur Hochschulen, sondern auch Studierenden und Künstler*innen offen. Von einer Selbstverpflichtung Kunstschaffender aus vermögenden Verhältnissen, Kolleg*innen in prekären Situationen zu unterstützen, ist die Berliner Szene zum Beispiel weit entfernt. Der einstige Vorschlag des Choreografen Jeremy Wade, von jeder Förderung Gelder für nicht-geförderte Kolleg*innen abzuzwacken, war eine der sehr wenigen sozio-ökonomischen Initiativen der letzten Jahre. Umgesetzt wurde sie auch nicht ansatzweise. Ganz im Gegenteil ist die Tanzpraxis auf vielen Ebenen immer noch darwinistisch, gerade auch im Bezug auf Erkrankungen und Verletzungen. Das Geld für die Produktion muss sichergestellt werden, aufgrund von Verletzungen entstandene Zusatzkosten müssen die Tänzer*innen meist selbst tragen. Beispiele und Möglichkeiten gäbe es in dieser Richtung viele.

So lange Zugänge jedoch nicht auch dort gewährleistet werden, wo es darum geht, Privilegien in Frage zu stellen, bleiben Diversitätsbestrebungen in den Künsten eine Sache der happy few – die Ungerechtigkeiten durch verfrühte Erfolgsmeldungen mitunter sogar überdecken können.

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