Ausgabe März/April 2019

Anker für Ankommende

Als Tanzprojekt für Geflüchtete bricht JUNCTION Isolation auf und ermöglicht das Im-Hier-und-Jetzt-Sein.

Tanzparty © Yergalem Taffere

Seit 2014 bietet die Initiative JUNCTION, ins Leben gerufen vom Verein für partizipative Tanzprojekte Mobile Dance e.V., wöchent­liche Tanzworkshops für geflüchtete Kinder und Jugendliche in deren Unterkünften an. Besonderheit des Programms sind die öffentlichen Tanzpartys, die alle zwölf Wochen veranstaltet werden – Publikumsmagnet innerhalb der Community und längst etabliertes Event in den Uferstudios Berlin. Heilpädagogin Barbara Weidner und die Choreografin sowie Tanz­pädagogin Jo Parkes leiten die Initiative künstlerisch und organisatorisch – sie haben dabei einen beeindruckenden Pool an Mitwirkenden geschaffen: Mehr als 30 Künstler*innen der Freien Tanzszene sind derzeit für ­JUNCTION in wechselnden Choreograf*innen-Teams und als Workshopleiter*innen im Einsatz; einige von ihnen haben selbst Migrations- oder Fluchthintergrund. Der folgende Text blickt zurück auf einen Probenbesuch, ein Gespräch mit dem Künstlerinnen-Team Bella Hager und Lea ­Martini und schildert Eindrücke der ­Tanzparty#13 im Dezember 2018.

Alexandra Hennig
Tanzjournalistin & Dramaturgin

Von der Straßenbahnendhaltestelle sind es noch ungefähr 15 Minuten zu Fuß. Vorbei an Einfamilienhäusern und dann der Buchholzerstraße bis ganz zum Ende folgen. Gerade als ich denke, dass hier nichts mehr kommen kann, taucht eine Ansammlung von endlosen weißen Containern auf – ein sogenanntes "Tempohome" (provisorische Unterkunft) –, wie ein flacher Streifen am Horizont. Ein großes, eher verlassen wirkendes Areal, das mehr nach Gefängnis als nach Zuhause aussieht.

Dort angekommen, treffe ich Projektleiterin Jo Parkes. Sie berichtet, dass diese Einrichtung in den letzten neun Monaten bereits drei Mal den Betreiber gewechselt habe – das ­JUNCTION-Team habe immer wieder mit neuen Verantwortlichen und Ansprechpartner*innen zu tun – Umstände, die es ihnen nicht leicht machen. Unfreiwillige Neuanfänge sind eine Realität. Was Parkes vor allem kritisiert, ist die Verdrängung der Menschen an den Stadtrand, die zu Unsichtbarkeit und eingeschränkter Mobilität führt. Wir blicken uns um: "Das ist keine Willkommenskultur", sagt die Fotografin Yergalem Taffere, die ebenfalls eingetroffen ist und das Projekt seit Sommer dokumentarisch begleitet.

Tanz als das Verbindende
Sobald wir im Proberaum angekommen sind, verkehrt sich mein erster Eindruck von diesem Ort ins Gegenteil: Hier herrscht lebendiges Gewusel – Kinder, die rein und raus stürmen, durcheinander reden und aufgeregt darauf warten, dass die Stunde beginnt. Die Workshop-Leiterinnen Bella Hager und Lea Martini haben eine große Tüte Obst, Wasser und Requisiten dabei (es gibt Schminke und Kostüme!). Bevor es losgeht, werde ich der Runde vorgestellt und kann mich neben Jo Parkes als zweite begeisterte Zuschauerin nützlich machen – dass hier noch jemand Fremdes (die "Journalistin" mit Notizblock) zuschaut, erhöht die Spannung. Heute geht es neben dem freien Bewegen vor allem auch darum, die Choreografie für die anstehende Tanzparty zu proben.

Diese Tanzparty#13 wagt ein besonderes Experiment: Erstmals sollen alle Kinder aus fünf verschiedenen Unterkünften als Ensemble in einer gemeinsamen Choreografie zusammen auftreten. Unabhängig voneinander haben sie dieselbe Bewegungsfolge entwickelt – der Tanz als das, was sie alle verbindet, so die Idee. "Wir haben uns spielerisch mit dem Thema Widerstand beschäftigt", sagt Jo Parkes, "und den Kindern erklärt, dass wir Widerstand zum Tanzen brauchen, wenn wir uns aneinander anlehnen oder die Schwerkraft spüren" – um anzukommen und zu bestehen, ließe sich hinzufügen.

Das Projekt entdeckt Widerstand hier im doppelten Sinne: physisch und politisch. Kämpfer*innengeist, Zusammenhalt und Spaß sind Motive, die sich schon hier in der Probe zur kleinen Tanztheateraufführung zeigen. Wichtigstes Requisit sind halb durchsichtige Platten, die zu Schutzschildern werden und durch die man gleichzeitig hindurch blinzeln kann. In einer Reihe formieren sich die Performer*innen zunächst vor dem Publikum, um abwechselnd neben und hinter den Schildern hervor zu lugen – ein kurzes Grinsen oder Winken sagt "Hallo. Hab dich gesehen!". Es folgen choreografische Einlagen in Zweierteams und als Gruppe, kleine Kunststücke zwischen Spiel und Choreografie, ein gemeinsames Ritual: im Kreis auf die Oberschenkel und die Brust klopfen – ein kämpferisches "HA!".

Mein Lieblingsmoment: Lea Martini erwartet die Kinder mit einem Kickpolster. Jede*r darf diesem einen Tritt oder Schlag verpassen, nach der gegenseitigen Verbeugung geht‘s weiter mit Anlauf in die Arme von Bella Hager, um dort abzuheben und ein Stück zu fliegen. Dann wird es plötzlich ganz ruhig, am Boden stellt die Gruppe sich schlafend, jemand schaltet das Licht aus... Am Ende der Stunde werden Kostüme und Flyer für die Tanzparty begutachtet – es wird ernst: "Schminke – ja, nein?" / "Eltern und Geschwister kommen alle?" / "Jaaaaa – wir sehen uns dann auf der Bühne!".

Sensibel mit Traumata umgehen
Bella Hager und Lea Martini erzählen im anschließenden Gespräch, wie sie mit den Kindern pädagogisch arbeiten. Gerade wenn es auch um Traumata und nicht-selbstgewählte Lebensumstände geht, gibt es eine Reihe von Übungen, die den eigenen Körper im Hier und Jetzt verorten und so zu sich selbst zurück führen: die Füße am Boden spüren, sich selbst berühren, bewusst atmen – sich der eigenen Kraft und Kreativität gewahr werden.

Traumasensible Körperarbeit beruht auf Übungen wie den geschilderten und auf Wiederholungen, die zentral sind für JUNCTION – so wie die spielerischen Elemente und das gemeinsame freie Tanzen. Die Stunden finden wöchentlichen statt; sie starten in der Regel mit einem offenem Körpertraining und sind so strukturiert, dass sie energiegeladen beginnen, um in einem zweiten Schritt neue Dinge zu lernen oder auf Gelerntes zurück zu greifen und am Ende in eine Entspannungsphase zu führen.

Alle Interessierten können jederzeit frei einsteigen. Damit reagieren die Macher*innen auch auf die hohe Fluktuation in den Unterkünften. Oft müssen Familien umziehen – die meisten von ihnen sind jedoch keine Neuankömmlinge, sondern oft schon seit Monaten oder Jahren in Deutschland. Die Situation vieler geflüchteter Menschen ist von Ungewissheit, Warten und Fremdbestimmung geprägt: Provisorium als Dauerzustand. Die regelmäßigen Workshops und vor allem die öffentlichen Tanzpartys sind Ereignisse, die den Alltag der Menschen strukturieren, die Sicherheit geben und Highlights schaffen. Gleichzeitig sind sie eine Gelegenheit, mobil zu bleiben und vom Stadtrand ins Zentrum zu gelangen, sich mit anderen Menschen mit und ohne Fluchthintergrund zu vernetzen, sich auszutauschen – und natürlich auch zu feiern. Die Tanzpartys gewinnen an Aufmerksamkeit auch außerhalb der Community, nicht zuletzt dank des Engagements der beteiligten Künstler*innen.

"Es ist schön, den Fortschritt zu beobachten, die Bandbreite der Qualitäten, die wir mittlerweile erreichen können", berichten Bella Hager und Lea Martini. "Am Anfang war es teilweise schwierig, Ruhe oder Konzentration reinzubringen. Inzwischen freuen sich die Kinder auch besonders auf das Ende der Stunde – selbst die älteren Kinder wollen massiert werden." Die Choreografinnen sind bereits seit 2015 und 2016 im Projekt dabei – immer wieder stoßen wir im Gespräch auch auf grundlegende Fragen von Kunst und Lebensumständen und wie ihre eigenen Erfahrungen bei JUNCTION ihr Verständnis vom zeitgenössischen Tanz, aber auch den Bezug zur eigenen künstlerischen Handschrift verändert haben: "Oft halten wir unsere Praxis als Choreograf*innen für selbstverständlich. Dabei ist mir über die Arbeit mit den Kindern aufgefallen, dass es da einen großen Fundus gibt, ein Handwerkszeug: Wie organisiere ich den Raum? Wie nutze ich Wiederholungen und verschiedene Qualitäten von Bewegung?", so Lea Martini. Bella Hager berichtet vom Stolz der Kinder, neue Bewegungsfolgen zu lernen, davon, wie wichtig Momente sind, die einfordern, gesehen zu werden.

Kontinuität erfordert Ressourcen
Der magische Moment, in dem alle Tänzer*innen als großes Ensemble zusammen kommen, löst sich bei der Tanzparty#13 im Dezember 2018 tatsächlich wie erwartet ein. Über 50 Kinder erobern die Bühne im Studio 14 der Uferstudios – der Saal ist voll, die spannungsgeladene Musik versetzt den Raum in eine fantastische Landschaft, einen Zauberwald. Die halbdurchsichtigen Platten sind wieder da – Tänzer*innen/Krieger*innen-Schminke und jede Menge Performer*innen-Skills. Nach dem Auftritt des Ensembles gibt es "Danceoke": In einer Art Tanz-Karaoke dürfen auch die Erwachsenen zu Musikvideos singen und mittanzen – am Ende der Party hält es nur noch wenige auf den Plätzen. Neben den Tanzauftritten stellen sich auch andere Initiativen des Netzwerks Berlin Mondiale vor, darunter die Filmwerkstatt für Mädchen Mpower oder die selbstorganisierte freie Nachwuchsredaktion Was geht?!.

An diesem Abend wird vor allem deutlich, wie vielfältig die Netzwerke ausgerichtet sind. Nada Aswada – selbst ehemalige Teilnehmerin eines JUNCTION-Projektes – organisiert die Party auf Arabisch und Deutsch und schafft es, wirklich alle Anwesenden mit einzubeziehen und zum Tanzen zu bewegen. Die Stimmung ist ausgelassen, solidarisch und ja: willkommen-heißend.

Zwischen Buffet und Tanzen treffe ich nochmal Jo Parkes: "Was fehlt, ist natürlich Geld", sagt sie. Das Schicksal geflüchteter Menschen sei in der öffentlichen Wahrnehmung insgesamt nicht mehr so präsent, auch das freiwillige Engagement habe abgenommen. Noch vor ein paar Jahren war es leichter, Stiftungen oder auch private Geldgeber zu gewinnen. Dabei brechen Projekte wie das von JUNCTION die Isolation der Menschen auf, die hier schon seit einiger Zeit versuchen, anzukommen, sie geben Hoffnung und zeigen auch, was Tanz tatsächlich bewegen kann. Es braucht kontinuierliche Förderung für solche Projekte, die künstlerisch und sozial so wichtig sind und wirklich Vorbild­charakter haben.

JUNCTION
Tanzparty #14
18. März 2019
Uferstudios
www.uferstudios.com

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