Ausgabe Mai/Juni 2019

Dringend dranbleiben!

Wie die Tanzszene den Runden Tisch Tanz bewertet

Seit Februar liegt der Abschlussbericht zum Runden Tisch Tanz vor – die Ergebnisse aus einem Jahr partizipativem Prozess zwischen Tanzschaffenden, Kulturpolitik und Verwaltung zur Weiterentwicklung der Berliner Tanzszene. Für die Schwerpunktausgabe von tanzraumberlin zum sogenannten RTT haben wir die Beteiligten aus der Tanzszene um kurze Einschätzungen zum Prozess gebeten. Geantwortet haben Mitglieder des Runden Tisch Tanz, aber auch sehr viele Tanzschaffende, die an den fünf Arbeitsgruppen teilgenommen haben. Zentral für die Diskussion über die Zukunft des Berliner Tanzes, fanden die Arbeitsgruppen über mehrere Monate hinweg statt, zu den fünf Themen Räumliche Infrastruktur, Money and more, Internationalität/Touring/Vernetzung, Forschung und Vermittlung sowie Zugänglichkeit und Vielfalt. Informiert der Abschlussbericht über die Ergebnisse des Runden Tisch Tanz, so spiegeln die Statements den Verlauf des Prozesses. Im Print-Magazin sind sie aus Platzgründen gekürzt veröffentlicht, so wie vorab auch hier. Zeitnah folgen die ausführlichen Stellungnahmen in einem pdf.

"In Berlin hat es seit mehr als 30 Jahren immer wieder Runde Tische zum Tanz gegeben. Neue Fragen und neue Forderungen nach finanzieller, räumlicher, organisatorischer und struktureller Weiterentwicklung führten im letzten Jahr zu einer Neuauflage. ... Um die am Ende formulierten gemeinsamen Forderungen zum Erfolg zu führen, ist Zusammenhalt und Verständigung der Szene so wichtig wie eine entschiedene und kontinuierliche Lobbyarbeit auf verschiedenen politischen Ebenen."
Nele Hertling, Direktorin der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste Berlin, AG Infrastruktur.


"Größtenteils gelungen ist der Anspruch, einen partizipatorischen Prozess zu verfolgen, um eine Bestandsaufnahme von Bedürfnissen und Visionen der Berliner Tanzszene zu machen. ... Noch wichtiger jedoch ist, dass wir am Ende den Konsens gefunden haben, dass ein subventioniertes Haus für Tanz und Choreografie nur in einer starken, angemessen geförderten Berliner Tanzszene und zusammen mit nachhaltig gesicherten dezentralen Strukturen Sinn ergeben kann. Es geht also nicht um eine strukturelle Veränderung, sondern um eine längst überfällige Ergänzung in der Stadt.
Canan Erek, Choreografin und künstlerische Leiterin von PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum, AG Infrastruktur und AG Forschung und Vermittlung.


"Das Jahr des _Runden Tisch Tanz_ ist vorbei, und ich kann es immer noch nicht glauben, dass er wirklich so stattgefunden hat. Alle an einem Tisch – Politik, Verwaltung, Tanzschaffende, auf Augenhöhe. Der beeindruckendste Moment für mich war, als wir uns gleich in der ersten Sitzung der AG Money and more die Frage stellten: Wollen wir Kunst fördern oder Künstler*innen? ... Nur für ganz kurze Zeit haben wir das Modell eines Tanzhonorars als utopisch bezeichnet. ... Es geht nicht um ein bedingungsloses Grundeinkommen, denn künstlerische Praxis und ihre Weiterentwicklung wäre die Bedingung für die Honorierung, ebenso wie das Teilen von(Körper-)Wissen mit der (Stadt-)Gesellschaft. Dies alles ist Arbeit, die bezahlt werden muss! Hier könnte Berlin ein Zeichen setzen."
Gabi Beier, Künstlerische Leitung ada Studio, Stellvertretendes Mitglied des Runden Tisch Tanz, AG Money and more.


"Was Kunst braucht, um sich qualitativ zu entfalten, sind Kontinuität im Arbeiten und stark aufgestellte Orte, an denen sie produziert und sichtbar gemacht wird. Beides fehlt dem Tanz in der Hauptstadt. Die Antwort des Runden Tisch Tanz ist nun ein sinnvoll verzahntes Maßnahmenpaket, das – in seiner Gesamtheit umgesetzt – zu einem neuen Selbstverständnis von Tanz und Choreografie innerhalb der Kulturlandschaft führen wird."
Marie Henrion, Leitung Tanzbüro Berlin, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Berlin braucht ein Haus für Tanz und Choreografie – jetzt!... Letztlich hat die Berliner Tanzszene wieder einmal bewiesen, dass sie – basierend auf
einer umfassenden und präzisen Bestands- und Bedarfsanalyse, ergänzt durch wichtige Erfahrungswerte aus dem tanzkünstlerischen Praxisfeld beim zweitägigen Symposium – ein durchdachtes und wegweisendes Gesamtkonzept mit klaren und differenzierten Handlungsempfeh- lungen formulieren kann. Dies verdient es, von der Politik ernst genommen zu werden."
Claudia Feest-Lieberknecht, Vorstand beim Dach­verband Tanz Deutschland, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Am spannendsten waren die Diskussionen zum Haus für den Tanz. ... Hier kristallisiert sich auch die ästhetische Frage nach der Kunst- verfasstheit: ihrer Wirkungsmacht, ihrer Funktion, ihrer Freiheit; die Frage, wie wir Kunst schaffen wollen und wie wir dies in Verhältnis zu einer gesamtgesellschaftlichen Lage setzen wollen. Nachdem der zeitgenössische Tanz für geraume Zeit revolutionäre Impulse im Kunstdiskurs setzte, kann ein Haus für den Tanz nicht zehn Schritte zurück zu einer Dublette bestehender Institutionsmodelle gehen, sondern muss seine kritische Praxis auch innerhalb einer neu verfassten Art von Institution umsetzen können."
Simone Willeit, Geschäftsführerin der Uferstudios Berlin, Mitglied am Runden Tisch Tanz.


"Drei Voraussetzungen halte ich für wesentlich bei der politischen Umsetzung: ... Die Anerkennung des Tanzes als eigene Kunstform mit vielfältigen Ausprägungen. Verantwortungsbewusstsein für die Rolle von Institutionen angesichts von Verdichtung und Verdrängung in Großstädten ... Und das Vertrauen in die transformative Wirkkraft des Tanzes, die ohne Festschreibung zwischen künstlerischer Form und gesellschaftlichen Feldern changiert und die Arbeits- und Organisationspraxen der KünstlerInnen prägt."
Anne Passow, Kulturwissenschaftlerin, bis August 2018 Leitung Tanzbüro Berlin und am Prozess des Runden Tisch Tanz beteiligt.


"Der Runde Tisch Tanz 2018 ist ein Meilenstein für die zukünftige Entwicklung der Kunstform in Berlin. … Das Ergebnis kommt vor der Aufstellung des nächsten Doppelhaushalts genau richtig: Es ist gelungen, ein Paket zu schnüren,
das kurzfristig kontinuierliches Arbeiten für Tanz-KünstlerInnen ermöglicht und bestehende Orte stärkt – intelligent vernetzt mit dem langfristigen Ziel, ein neues, durchlässiges Haus für Tanz und Choreografie entstehen zu lassen. Ein Neubau mit aufregender, zeitgenössischer Architektur kann ein neuer Treffpunkt für die wachsende  Stadt, das generationsübergreifende Berliner und internationale Tanz-Publikum und die vielseitig aufgestellte Kunstform Tanz bieten – mitten im Wandel unserer Zeit. Ich bin gespannt, welcher Berliner Bezirk sich diese Chance zu eigen machen wird!"
Anja Schmalfuß, Sasha Waltz & Guests I Networking & Community, Mitglied des Runden Tisch Tanz und der AG Infrastruktur sowie für das TanzRaumBerlin-NetzwerkTeil der Findungskommission für die KoordinatorInnen des Prozesses.


"Von der Deutlichkeit des Abschlussberichts und dem Selbstbewusstsein der beiden Koordinatorinnen Karin Kirchhoff und Elisabeth Nehring während der Anhörung im Berliner Abgeordnetenhaus war ich sehr angetan. Die freie Tanzszene hat sich in diesem Jahr, so konnte der Kulturausschuss lebhaft erfahren, in die Position gebracht, a) fordernd zu denken, b) mit Nachdruck zu sprechen, c) scharf zu argumentieren und d) Einigkeit unter Beweis zu stellen. Welch eine wichtige Errungenschaft!"
Maren Witte, Professorin für Tanztheorie, Bewegungsforschung und Vermittlung, freie Dramaturgin, Gründerin von Tanzscout; AG Forschung und Vermittlung.


"Aus Perspektive der Berliner KünstlerInnen braucht es vor allem eine substanzielle Verbesserung unserer Arbeitsbedingungen, um langfristig das Niveau der künstlerischen Arbeit halten bzw. steigern zu können. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Maßnahmen, die die Kontinuität im Arbeiten ermöglichen: eine angemessene Ausstattung der Basisförderung für KünstlerInnen, ein Residenzprogramm, das KünstlerIinnen und Orten erlaubt, langfristig zusammen zu arbeiten, und ein die projektorientierte Dimension des bestehenden Fördersystems ergänzendes Grundstipendium."
Moritz Majce, Künstler und Choreograf, Vorstandsmitglied Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V., Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Professionelle TanzkünstlerInnen und Tanzstrukturen müssen professionell ausgestattet werden. Dieses Ziel muss verfolgt werden, bevor eine weitere Hierarchie zwischen sogenannten freien und institutionellen Strukturen entsteht. Die selbstbewusste Kunstform kann auch eine von der Politik selbstbewusst formulierte Förderung erhalten, die dem Vergleich mit bestehenden institutionellen Förderungen
(Musik/Theater, Bildende Kunst) standhält."
Ludger Orlok, Vorstandsmitglied und Künstlerischer Geschäftsführer Tanzfabrik Berlin.


"Im solidarischen Grundgedanken liegt die Kraft dieser Allianz. Aber wir müssen sie auch praktisch umsetzen, wenn wir damit etwas erreichen wollen. Der _Runde Tisch Tanz_ hat gute Vorschläge erarbeitet, die nun zügig umgesetzt werden müssen, wenn man das Momentum nicht ungenutzt verstreichen lassen und in ein 'Klein-Klein' zurückfallen möchte."
Annemie Vanackere, Intendantin und Geschäftsführerin HAU Hebbel am Ufer, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Wenn Kultur- und Finanzpolitik nicht schon im Jahr 2019 mit der Einrichtung einer Projektgruppe für das Haus für Tanz und Choreografie und erst recht mit dem Doppelhaushalt 2019/20 auf die bestens begründeten Ergebnisse des _Runden Tisch Tanz_ reagieren, wird es Ärger geben. 2021 wird in Berlin wieder gewählt."
Frank Schmid, Kulturjournalist, Tanzkritiker, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Angesichts der Bedeutung und der öffentlichen Wahrnehmung der Kunstform ist es absurd, dass es noch keine Landesbühne für zeitgenössischen Tanz gibt. Das Land Berlin wird hier seinem Kulturauftrag nicht gerecht."
Michaela Schlagenwerth, Tanzkritikerin der Berliner Zeitung, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"The process was an exciting time and I particularly liked the discussions that were reverberating far out the working groups and the official process of the RTT. Nevertheless, I had the feeling that the discussion about the Dance House was often stuck on a model that many voices in Europe criticise as already outmoded. I would have liked a more imaginative approach to find out what a future institution for dance could look like, maybe non-hierarchical, modular, decentralised and feminist!"
Jacopo Lanteri, apap – Performing Europe 2020 artistic co­ordinator, AG Internationalisierung and AG Infrastruktur.


"At the core of the RTT process for me were the Arbeitsgruppen (AG), a structure that facilitates the meeting of colleagues, to bring together, strategize, specify, and deliberate the visions of how the working conditions should/could shift. ... At the same time, it was disappointing to witness the small numbers that showed up at the two AGs I regularly attended. ... I am left with the question of what culture within the dance scene we are normalizing in regards to our engagement with cultural politics."
Zwoisy Mears-Clarke, Choreograf, Stv. Mitglied des Run­den Tisch Tanz AGs Inklusion & Forschung und Vermittlung.


"Ich plädiere dafür, dass es mit dem Runden Tisch weitergeht. Mir egal, ob er elliptisch oder eckig ist, in welchem Haus oder ob er im Freien steht. Er muss nur groß sein und Platz haben für all jene, die sich streiten wollen. Setzen wir uns wieder zusammen, um uns auseinanderzusetzen. Das kann erst der Anfang gewesen sein."
Peter Stamer, Theatermacher, AG Infrastruktur.


"Was für mich in den Empfehlungen noch fehlt, ist das große Buch zur Berliner Tanzgeschichte, und ein Berliner Tanzpreis, mit dem Vorbild des Bessie-Awards in New York."
Peter Pleyer, Choreograf, Mitglied des Runden Tisch Tanz.


"Biopolitiken und Tanz müssen neu verhandelt werden. Die AG Vielfalt hat den Vorschlag erarbeitet, einen separaten Fördertopf einzurichten. Die Gefahr, den Eindruck entstehen zu lassen, dass es 'neutrale' Körper gäbe, die bei den künstlerischen Fördertöpfen beantragen, und solche, die gesellschaftlich markiert sind, die bei einem separaten Topf beantragen, besteht zwar, aber ich denke, dass ein großer Impuls im Moment wichtig ist."
Juli Reinartz, Choreografin, AG Vielfalt.

"Damit Tanz weiterhin eine wichtige Rolle in den Gesellschafts- und Kunstdiskursen spielen kann, ist ein Ort, ein Freiraum notwendig, der nicht hierarchisch gestaltet wird und der der Gesellschaft sowie allen Beteiligten des Tanzfeldes in Berlin zugänglich ist. Wir (Stadtbewohner*innen) sind vielleicht engagierte menschliche Wesen, wir halten uns auf dem Laufenden und nutzen unser Recht auf freie Meinungsäusserung. Aber wie einfach ist es noch, die 'Anderen' zu treffen bzw. zu sprechen, und auf welchen unterschiedlichen Ebenen findet ein Austausch statt? Das sperrige Wort 'Vermittlungszentrum' beinhaltet ... die Möglichkeit, entsprechenden Freiraum zu eröffnen. ..."
Sonja Augart, Künstlerin, Dramaturgin, Kuratorin und Feldenkrais-Praktizierende, AGs Forschung und Vermittlung und AG Infrastruktur

"In den Sitzungen der AG Forschung und Vermitt­lung stießen wir oft auf Fragen wie: Wer vermittelt an wen, wie und warum? Wie vermeiden wir Unterweisungs- und Herrschaftswissen? ... Welche gesellschaftliche Wirkung kann es haben, wenn sich Menschen ihrer Körperlichkeit bewusst werden? ... Wir brauchen Räume und Strukturen, um unser Tun zu befragen, um die gesellschaftliche Relevanz von Tanzvermittlung zu schärfen und Tanz als Kunstform zugänglich zu machen."
Amelie Mallmann, Tanzvermittlerin bei Tanzkomplizen und Tanzscout, AG Forschung und Vermittlung.


"Berlin braucht ein Tanzvermittlungszentrum! Inspiriert vom 'Learning'-Departement von Sadler’s Wells oder der Vermittlungsarbeit des CNC in Paris soll eine innovative und einmalige neue Institution geschaffen werden. Damit der Tanz seine Kraft und sein Potenzial ausweitet, um nachhaltige Visionen für die Kunst, für unser Zusammenleben und für Berlin zu entfalten!"
Livia Patrizi, Tänzerin und Choreografin, Künstlerische Leitung TanzZeit e.V., AG Forschung und Vermittlung.


"Zwei 'Feindbilder' haben mich überrascht. Die Abwehr gegen einen zentralen Ort und ein Intendantenmodell. Fast alle teilten den kleinsten gemeinsamen Nenner: dezentral und kollektiv. Die Gewinnung Verbündeter, sei es das Publikum, sei es die Politik, kam allenfalls am Rande vor. Das ist in diesen politisch aufgewühlten, ungewissen Zeiten fatal. ... Ich habe schon viele Papiere in der Schublade verschwinden sehen. Der Kampf um Anerkennung und Mittel geht weiter!"
Claudia Henne, Tanzkritikerin, AG Infrastruktur und AG Forschung und Vermittlung.


"Die Herausforderungen fangen jetzt erst an. Wie werden die Forderungen tatsächlich langfristig in den kommenden Haushalten und in den Verwaltungsvorschriften implementiert? Welche Ideen werden vertieft, überarbeitet und, am wichtigsten, wie kann man die Szene weiter in diesen Prozesse involvieren?"
Barbara Greiner, freie Produzentin, Vorstand ztb e.V., AG Internationalität und AG Infrastruktur.

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