Ausgabe November-Dezember 2022

Netzwerk mit Haltung

Making a Difference schafft Raum für die Arbeit behinderter, Tauber und chronisch kranker Künstler*innen im Tanz.

„Quest – Schüttgüter und Sternenstaub“ von Tamara Rettenmund ist im Netzwerk Making a Difference entstanden, die Premiere war im April 2019 in den Sophiensælen. Foto: Amelie Hensel

2018 gegründet, fördert das Berliner Netzwerk Making a Difference die selbstbestimmte Arbeit behinderter, Tauber und chronisch kranker Künstler*innen im Tanz. Acht Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um durch Workshops, Residenzen und Koproduktionen barrierefreie Weiterbildungs- und Produktionsmöglichkeiten zu schaffen. Zentral für das Projekt ist die Besetzung aller Leitungs- und Expert*innen-Positionen mit behinderten, Tauben und chronisch kranken Menschen.

Text: Anne Rieger und Noa Winter
Projektleitung Making a Difference

Making a Difference bedeutet, einen Unterschied zu machen. Das, was uns von anderen Projekten im deutschsprachigen Raum unterscheidet, ist, dass die Ästhetiken und Arbeitsweisen Tauber, behinderter und chronisch kranker Künstler*innen unsere Arbeit bestimmen – nicht nur auf der Bühne, sondern in allen Arbeitsbereichen. Während behinderte und Taube Menschen in der Tanz- und Kulturlandschaft noch häufig lediglich als Publikum oder Workshopteilnehmer*innen eingeplant werden oder als weisungsgebundene Performer*innen für nichtbehinderte, hörende Choreograf*innen arbeiten, nehmen sie im Rahmen von Making a Difference selbst künstlerische Leitungspositionen ein. Dabei verorten wir uns klar in der Behindertenkultur (Disability Arts), die als Teil der Behindertenbewegung dem Leitspruch „Nichts über uns ohne uns“ folgt.

 

Disabled und Deaf Leadership
Wir fördern demnach Vorhaben von behinderten und Tauben Künstler*innen, nicht mit diesen. Damit stehen wir der englischsprachigen Disability Arts-Bewegung oft näher als der deutschsprachigen inklusiven Kulturlandschaft und finden unsere Vorbilder und fachlichen Austausch vor allem in internationalen Kontexten, wie etwa dem britischen Förderprogramm Unlimited, das ebenfalls ausschließlich Gelder an künstlerische Projekte unter behinderter und Tauber Leitung vergibt.

Mit Initiativen wie Unlimited vereint uns das Ziel, die (Weiter-)Entwicklung von Ästhetiken, die erst durch die gelebten Erfahrungen von Behinderung und Taubheit entstehen können, zu fördern. Dazu zählen auch die sogenannten ­Aesthetics of Access, also der künstlerische Umgang mit Barriere­freiheit. Hierbei werden zum Beispiel Audio­deskription, Gebärdensprachen, Relaxed Performance oder Übertitel von Beginn an auf kreative Weise in die Arbeit integriert.

Zwei Modelle von Behinderung
Auch unsere Perspektiven auf Behinderung und Taubheit stehen häufig im Kontrast zu dominierenden gesellschaftlichen Vorstellungen über behinderte und Taube Menschen, die auch den Kulturbereich beeinflussen. Dabei stehen sich oft Haltungen gegenüber, die von zwei unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Behinderung geprägt sind. Diese lassen sich anhand von zwei Modellen veranschaulichen, auf die auch viele behinderte Künstler*innen explizit Bezug nehmen: das medizinische Modell von Behinderung und das soziale Modell von Behinderung. Während Ersteres Behinderung als individuelles Problem betrachtet und über ein von der Norm abweichendes Defizit definiert, sieht das soziale Modell Behinderung als eine gesellschaftliche Tatsache, die erst durch eine Vielzahl von Barrieren entsteht. Diese umfassen nicht nur fehlende bauliche oder kommunikative Barrierefreiheit, sondern auch kaum vorhandene oder falsche kulturelle Repräsentation oder schlichtweg Vorurteile gegenüber behinderten und Tauben Menschen.

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass das medizinische Modell von einem fremdzugeschriebenen Behindert-Sein, das soziale Modell hingegen von einem Behindert-Werden ausgeht. Bei Making a Difference teilen wir die Perspektive des sozialen Modells und verstehen „behindert“ und „Taub“ damit als politische Kategorien und Selbstbezeichnungen.

Kein mixed-abled Projekt
In den letzten Jahren lesen wir in Deutschland immer häufiger Open Calls für sogenannte mixed-abled Projekte, die Tänzer*innen mit „körperlichen Einschränkungen/Besonderheiten“ oder „nicht-normativen Körperlichkeiten“ suchen. Solche Umschreibungen blenden Behinderung und Taubheit als politische Kategorien und Selbstbezeichnungen aus, verfestigen die Idee von Nichtbehinderung als Norm und Ideal in der Tanzwelt und reduzieren behinderte Künstler*innen auf das, was an ihnen anders ist. Deswegen bezeichnen wir uns bewusst nicht als mixed-abled Projekt, da die Perspektive auf „gemischte Fähigkeiten“ immer von einer nichtbehinderten Norm tänzerischer und anderer kultureller Fähigkeiten ausgehen muss, um Bestand haben zu können – denn die Abweichung von einer etablierten Norm ist im Namen selbst verankert.

In der Praxis kann die oben geschilderte (oft unbewusste) Haltung ganz unterschiedliche Auswirkungen haben: von der Faszination behinderter Körper auf der Bühne, wodurch diese exotisiert werden – eine Bühnen- und Ausstellungstradition, die bis zu den Freakshows des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zurückreicht –, bis hin zu Mitleid und (vermeintlicher) Hilfsbedürftigkeit, die nichtbehinderten Akteur*innen häufig großes soziales und kulturelles Kapital für ihre vermeintlich aufopferungsvolle Arbeit mit behinderten Menschen einbringt.

Noch immer ist es mehr die Regel als die Ausnahme, dass nichtbehinderte, hörende Künstler*innen (gut bezahlt) über ihre Arbeit, zum Beispiel als Leitungen von Tanzkompanien oder Projekten mit behinderten und Tauben Künstler*innen bei Veranstaltungen sprechen, darüber in Publikationen schreiben und dadurch von der mehrheitlich nichtbehinderten, hörenden Fachwelt zu Inklusionsexpert*innen erklärt werden. Und auch wenn dies keine zwingende Grundvoraussetzung ist, so sind in der Praxis bis heute bei den meisten mixed-abled Projekten die Strukturen, Arbeitsweisen und Ästhetiken weiterhin von nichtbehinderten, hörenden Menschen in Leitungspositionen bestimmt. So ist „Nichts über uns ohne uns“ für einen Großteil der sogenannten inklusiven Tanz- und Kulturlandschaft im deutschsprachigen Raum nicht mehr als eine kaum beachtete aktivistische Forderung.

Selbstbestimmtes Arbeiten ermöglichen
Selbstverständlich reicht es jedoch bei Weitem nicht aus, sich auf diskursiver Ebene mit bestimmten Begriffen und Perspektiven auf Behinderung auseinanderzusetzen. Dass wir das Label mixed-abled für unsere Arbeit nicht nutzen, ist nur ein Baustein einer Haltung und Praxis, die unsere Art und Weise, Zusammenarbeit zu leben, entscheidend prägt. Um Missverständnissen vorzugreifen: Es heißt nicht, dass bei uns keine nichtbehinderten, hörenden Menschen arbeiten. Im Gegenteil: sowohl in unserem Projektteam als auch in jeder Residenz und Koproduktion sind nichtbehinderte, hörende Menschen vertreten. Bewusst auf diesen Begriff zu verzichten, bedeutet für uns jedoch eine gezielte Absage an die nichtbehinderte, hörende Dominanz in der Tanz- und Kulturlandschaft.

Als Projektteam blicken wir auf einen langen, noch immer andauernden Prozess, uns aktiv mit Machtstrukturen (insbesondere Ableismus und Audismus, aber auch anderen Diskriminierungsformen wie Klassismus und Rassismus) sowie den damit verbundenen Privilegien zu beschäftigen. So ist es beispielsweise unabdinglich, dass wir als Team unsere hörenden Privilegien und audistischen Verhaltensweisen reflektieren, um eine ernsthafte Arbeitsbeziehung mit Tauben Künstler*innen aufbauen zu können.

Um diese Prozesse nicht auf das Projektteam von vier Personen zu beschränken, arbeiten wir in der aktuellen Projektphase (2022 bis 2024) verstärkt an einem Wissenstransfer- und Beratungsprogramm für die Mitarbeiter*innen unserer Netzwerk-Partner*innen. Dabei gilt es zum einen, das gesammelte Praxis- und Erfahrungswissen aus dem Kernteam des Projektes an die einzelnen Partner*innen weiterzugeben. Zum anderen werden organisationsspezifische Ziele hin zu einer machtkritischen, inklusiven Öffnung definiert, wobei die dahinter liegenden Prozesse stetig durch die (bezahlte) Beratung behinderter und Tauber Expert*innen begleitet werden.

Nicht zuletzt bedeutet eine machtkritische Praxis auch, sich immer wieder kulturpolitisch einzumischen: So sind wir im stetigen Austausch mit verschiedenen Kulturakteur*innen (wie zum Beispiel Förderinstitutionen oder Beratungsstellen), um Leerstellen und Barrieren aufzuzeigen und zu deren Abbau beizutragen – für eine Transformation der deutschen Tanzlandschaft, in der behinderte, Taube und chronisch kranke Künstler*innen endlich selbstbestimmt arbeiten und ihre eigenen Ästheti­ken erproben können.

 
Making A Difference wird bis 2024 von TANZPAKT Stadt-Land-Bund gefördert. Netzwerk-Partner*innen der aktuellen Projektphase bis 2024 sind: Sophiensæle, Tanz-fabrik Berlin, Uferstudios GmbH, Hochschulübergreifendes Zentrum Tanz Berlin, TanzZeit e. V. /TANZKOMPLIZEN, Diversity Arts Culture, Zeitgenössischer Tanz Berlin e. V. / Tanzbüro Berlin und LAFT Berlin (Performing Arts Programm & Festival).
Für mehr Informationen zum Projekt: www.making-a-difference-berlin.de

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