Ausgabe Mai/Juni 2021

Kritische Kolleg*innen

Als Gastkurator*innen hinterfragen Sandhya Daemgen, Raphael Hillebrand und Martha Hincapié Charry auf Einladung des radialsystem dessen Arbeit.

Im Austausch: Die Choreograf*innen Raphael Hillebrand (oben) und Sandhya Daemgen (rechts) mit Matthias Mohr, dem Künstlerischen Leiter des radialsystem.
Im Austausch: Die Choreograf*innen Raphael Hillebrand (oben) und Sandhya Daemgen (rechts) mit Matthias Mohr, dem Künstlerischen Leiter des radialsystem. Foto: Phil Dera

Drei Choreograf*innen hat das radialsystem eingeladen, im Programm Encounters. Kuratorische Praxis im Dialog an ihren eigenen kuratorischen Ideen und Konzepten zu arbeiten – ohne dass dabei Programm für den Spielplan des Kultur- und Veranstaltungszentrums herauskommen muss. Jeweils drei Monate lang haben Sandhya Daemgen, Raphael Hillebrand und Martha Hincapié Charry bis September 2021 die Möglichkeit, in Dialog mit der Künstlerischen Leitung des radialsystem zu treten, mit internationalen Partner*innen aus anderen Wissensbereichen oder künstlerischen Disziplinen ihre kuratorische Praxis weiterzuentwickeln und „die eigene Perspektive im transdisziplinären Austausch zu reflektieren“, wie es in der Projektbeschreibung heißt. Während dieser Zeit erhalten sie für eine 50-Prozent-Stelle ein Monatsgehalt von 2.500 Euro, sie haben einen festen Arbeitsplatz, können die Studios nutzen und mit der Bühnentechnik zusammen­arbeiten. Finanziert wird Encounters durch Tanzpakt Reconnect, eine der Corona-Hilfsmaßnahmen aus dem Bundesprogramm Neustart ­Kultur. Neben der Freiheit, ihre Ideen zu verfolgen, haben die drei Gastkurator*innen auch den Auftrag, einen kritischen Blick auf die kuratorische Arbeit des radialsystem werfen. Was dabei herausgekommen ist (oder kommen soll), erfragte, dem dialogischen Prinzip folgend, für diesen Text die einladende Institution selbst. Genauer: der Künstlerische Leiter des radialsystem, Matthias Mohr, und die Leiterin der Presse- und Medienarbeit, Bettina Schuseil.

Fragen: Matthias Mohr und Bettina Schuseil
Antworten: Sandhya Daemgen, Raphael Hillebrand und Martha Hincapié Charry

In welchem Verhältnis seht Ihr Choreografie und kuratorische Praxis?

Sandhya Daemgen: Choreografie beschäftigt sich mit der Bewegung von Körpern im Raum sowie mit der Erfahrung und Beziehung von und zwischen den Körpern und dem Raum. Ich bin an einer kuratorischen Praxis interessiert, die diese Körper-Raum-Verhältnisse konzeptionell und erfahrungsbezogen untersucht, die sich darauf konzentriert, Kunst und Menschen zusammenzubringen, die eine individuelle, körperliche Erfahrung fördert und die gleichzeitig unsere komplexen Verbindungen zueinander und zu unserer Umwelt reflektiert.

Raphael Hillebrand: Sowohl beim Choreografieren als auch beim Kuratieren geht es darum, Menschen zusammenzubringen. Wer diese Menschen sind, stellt die Weichen für die Zukunft. Wer im Publikum sitzt, ist für mich genauso wichtig wie wer auf der Bühne steht. Denn zwischen Publikum und Darsteller*innen entsteht die Kunst. Das Potenzial für außergewöhnliche Kunst ist da am größten, wo die Unterschiede am größten sind. Trotz gesellschaftlicher Unterschiede durch Kunst eine gemeinsame Grundlage für Austausch und Diskussion zu schaffen, ist das Ziel meiner Arbeit als Kurator.

Martha Hincapié Charry: Für mich ist die Beziehung zwischen Choreografie und kuratorischer Praxis eine sehr organische. Ich glaube fest an einen Ausspruch von Toni Morrison, den sie einst an Studierende richtete: “If you have some power, then your job is to empower somebody else.” Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, dass ich abgesichert oder vollständig ermächtigt bin, aber für mich ist es wichtig, Möglichkeiten für Künstler*innen und Kolleg*innen zu eröffnen, die vielleicht nicht die Werkzeuge oder die Chancen haben, ausreichend Sichtbarkeit zu erreichen. Indem ich kuratorische Arbeit leiste, glaube ich, dass ich bestimmte Formen des Ausdrucks abbilde, eine Gruppe von Menschen oder eine Gruppe von kreativen Macher*innen als Team zusammenstelle, um miteinander in Beziehung zu treten – das ist auch eine Art, Choreografie zu betreiben. Alles im Universum hat einen Rhythmus und alles tanzt die ganze Zeit.

Welche Form(en) kuratorischer Praxis haltet Ihr für zukunftsweisend? Insbesondere bezogen auf die Vor- und Nachteile einer festen oder freien Tätigkeit?

Raphael Hillebrand: In Berlin ist die/der Kurator*in oft Vermittler*in zwischen Institution und freien Künstler*innen. Diese Position ist wichtig und braucht eine finanzielle Absicherung, zum Beispiel durch eine Festanstellung. Gleichzeitig ist eine freiberufliche Kurator*in näher dran an den Positionen der Künstler*innen und wird weniger von der Institution vereinnahmt. Aus meiner Erfahrung heraus plädiere ich für eine Mischform. Dabei wird die/der Kurator*in für ein Projekt fest an ein Haus geholt für einen bestimmten Zeitraum. Dies bietet zum einen die Sicherheit, dass auch bei Abbruch des Projektes – etwa wie jetzt durch Corona oder wegen einer nicht genehmigten Förderung – der Lebensunterhalt gesichert ist. Trotzdem bestünde weiterhin eine hohe Flexibilität.

Martha Hincapié Charry: Ich glaube, dass die Mischung aus beiden Formen perfekt für mich ist: eine stabilere Zusammenarbeit mit einer Institution zu haben, in der wir gemeinsam neue innovative Formate entwickeln können, und gleichzeitig möchte ich weiterhin die Freiheit haben, meine ganz eigenen Projekte vorzuschlagen. Beide Möglichkeiten sind wichtig, beide nähren mich auf unterschiedliche Weise.

Sandhya Daemgen: Ich denke, eine vorausschauende kuratorische Praxis schafft Kontexte und lädt Stücke ein, die mit den Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Heiligen spielen, und dabei die Verbindungen und Empfindungen untersuchen, die dort entstehen können. Die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Akteur*innen und interdisziplinäre Formate sind in der Lage, Menschen zu ermutigen, Situationen aus einer anderen Perspektive oder mit anderen Sinnen zu erleben als wir es tagtäglich tun. Eine solche kuratorische Praxis ist eine wichtige Reflexion von und Antwort auf unsere individuellen und kollektiven Bedürfnisse.

Inwiefern interessiert Euch ein tieferer Austausch mit einer Institution?

Martha Hincapié Charry: Für mich ist der interessanteste Teil, frischen Wind hineinzubringen, eine andere Vision und Vorschläge, die sonst nicht Teil dieser Institution wären, Künstler*innen, Arbeiten und Formate, die im Mainstream, in Europa oder sogar in der Tanz-Community nicht so präsent sind.

Sandhya Daemgen: Ganz besonders interessiert bin ich daran zu verstehen, wie Tanz- und Kunst­institutionen in Berlin funktionieren und wie wir von ihnen lernen und sie verbessern können. Ich finde es wichtig, dass Institutionen eine aktive Rolle in der Gemeinschaft spielen und die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Künstler*innen und ihres Publikums reflektieren. Wenn eine Institution Künstler*innen und Kunst unterstützt, die hinterfragt, wie wir kommunizieren, uns verbinden und Menschen einbeziehen, hoffe ich, dass sie auch selbst über diese Fragen nachdenkt und ihre eigenen Strukturen untersucht, die ihr helfen, ihre Entscheidungen zu treffen, im Großen wie im Kleinen.

Raphael Hillebrand: Mich interessieren vor allem die mittel- und langfristigen Möglichkeiten, in meiner Heimatstadt an einer florierenden und zugänglichen Kulturlandschaft mitzuwirken. Ich habe selbst viele Ausschlüsse im Kulturbetrieb erlebt und kämpfe heute dafür, dass wir es besser machen. Aus der Rolle des Kritikers in die Rolle des Machers zu wechseln, ist eine Herausforderung, auf die ich mich immer wieder gerne einlasse.

Was sind Eure Erfahrungen mit Encounters beziehungsweise Eure Erwartungen an das Programm? Wie kann der Austausch zwischen Euch und uns im besten Fall auf Eure und unsere Arbeit zurückwirken?

Raphael Hillebrand: Ich erwarte, dass Bekenntnisse zu mehr Diversität in den personellen Strukturen des Hauses umgesetzt werden. Hoffentlich wird der von uns gemeinsam angestoßene Prozess zur diversitätsorientierten Strukturentwicklung bald erste Erfolge hervorbringen. Von außen wirkt das radialsystem wie ein Monolith. Durch die Einblicke in das komplexe Interessengeflecht innerhalb des radialsystem erkenne ich, wie Ausschlüsse ohne böse Absicht durch die Notwendigkeiten des Alltags wie Zeitdruck und Geldmangel entstehen. Zu erkennen, dass es keine böse Absicht braucht, um negative Aspekte von Rassismus und Patriarchat zu reproduzieren, ist eine wichtige Erkenntnis unserer Zeit und lässt sich auf die gesamte Gesellschaft übertragen.

Sandhya Daemgen: Das Encounters-Projekt bietet mir die Chance, Zeit und Raum zu schaffen, um tief in Themen einzutauchen, nachzuforschen, mich auszutauschen und meine eigene kuratorische Praxis zu entwickeln. Es bietet mir die Möglichkeit, zu artikulieren, wie ich arbeiten möchte und was meine eigene persönliche, soziale und künstlerische Perspektive ist. Eine solche Reflexion hilft mir zu verstehen, wie ich die aktuellen Fragen und Krisen in diesem soziopolitischen Moment angehen kann. Durch die Zusammenarbeit mit einer Partnerinstitution wie dem radialsystem hoffe ich, eine größere Plattform zu bekommen, um andere zu erreichen und meine Visionen realisieren zu können. Gleichzeitig hoffe ich auch, dass das radialsystem als Institution bereit ist, sich von mir und meinen Ideen beeinflussen und verändern zu lassen.

Martha Hincapié Charry: Ich denke, wir stehen immer noch am Anfang unseres Austauschs. Für mich stehen noch alle Türen offen, und die Möglichkeiten, die Landschaften und das Panorama sind noch so hell und weit – das macht es für mich aufregend. Aber es war bisher bereits sehr inspirierend, weil ich die Freiheit fühle, Vorschläge zu machen und mich selbst herauszufordern. In der Art und Weise, wie ich bisher arbeite, habe ich das Gefühl, dass ich mich nur schwer ausdehnen und neue Zweige ausbilden kann, daher bin ich sehr glücklich und ich habe viele Forschungsansätze und Vorschläge. Gerade mache ich eine Exkursion zu einer indigenen Gemeinschaft in Kolumbien und kann es kaum erwarten, das Erlebte mit Sandhya, Raphael und Matthias zu teilen, also haben wir noch einen langen Weg durch das Jahr vor uns.

Welches konkrete Projekt könnte im Verlauf von Encounters entstehen?

Sandhya Daemgen: Während meiner Zeit im radialsystem hoffe ich, interdisziplinäre Veranstaltungen zu kuratieren, die Menschen durch verschiedene Räume, Performances und Erfahrungen führen, und dabei die Sinne anzusprechen und ein unvergessliches Ereignis zu schaffen. Anstatt nur eine Performance zu kuratieren, geht es mir darum, eine Erfahrung zu ermöglichen, die sich besonders auf die Begegnung mit anderen und mit der Kunst konzentriert. Ich bin auch daran interessiert, fortlaufende Formate oder Reihen zu konzipieren, die dabei helfen, Künstler*innen miteinander in Verbindung zu bringen und sich tief­gehend mit bestimmten Themen auseinandersetzen zu können. Solche Formate tragen dazu bei, dass Künstler*innen sich kennenlernen, und führen immer wieder zu organischen Kollaborationen, die die Tanz- und Kunstszene stärken.

Martha Hincapié Charry: Mein Fokus liegt auf Lateinamerika, auf indigenen und afroamerikanischen Künstler*innen und meine Perspektive ist eine dekoloniale, so dass im Zentrum meiner Aufmerksamkeit Prozesse zur Dekolonisierung von Körper und Geist sowie der Bühne stehen. Ich würde gerne unseren stark von einer eurozentrischen Sichtweise ausgehenden Blick auf den Körper befragen oder unser Verständnis davon, wie ein Festival oder eine Performance aussehen oder was ein*e Performer*in repräsentieren sollte. Für mich sind das Wissen der Vorfahren und die Rückkehr zur Natur die Basis meiner persönlichen aktuellen Forschung und die Art, wie ich zu Encounters beitragen möchte.

Raphael Hillebrand: Unter dem Arbeitstitel Im Süden der Hochkultur haben wir ein mehrtägiges Festival als Kollaboration zwischen YAAM, Holzmarkt und radialsystem entworfen, in dessen Rahmen die Synergien dieser so unterschiedlichen Orte zelebriert werden. Hochkultur ist Kultur, die positiv identitätsstiftend ist. Kultur, die Gemeinschaft feiert und menschliche Werte in den Vordergrund stellt. 80 Prozent der Kulturförderung geht in sogenannte Hochkultur-Projekte wie Oper, Ballett und so weiter. Dieses Geld wollen wir langfristig aus seinem goldenen Käfig der weißen Vorherrschaft befreien. Es wird Zeit für eine global denkende Hochkultur. Mit Künstler*innen wie Samy Deluxe und dem String Archestra hoffe ich die Herzen der Menschen zu verbinden für eine Hochkultur jenseits von Eurozentrismus und kolonialer Kontinuität.


Raphael Hillebrand (Encounters Januar – März 2021) arbeitet an seiner Vision eines Hip Hop-Tanztheaters. Als Ideengeber und Gründungsmitglied der weltweit ersten Hip-Hop Partei „Die Urbane“ setzt er sich für Dekolonialisierung sowie Empowerment und kulturelle Vielfalt ein. Im Oktober 2020 wurde er mit dem Deutschen Tanzpreis für „herausragende künstlerische Entwicklungen im Tanz“ geehrt. Mit Dialogic Movement, einem Forum für zeitgenössische urbane Kultur, war Raphael Hillebrand bereits 2014 im radialsystem zu Gast.

Sandhya Daemgen (April – Juni 2021) entwickelt als Choreografin, Musikerin, Tänzerin und Dozentin interdisziplinäre Performances zwischen Körper, Stimme und Sound. Als Sängerin, Tänzerin und Violinistin arbeitete sie international mit Künstler*innen wie Tino Sehgal, Arcade Fire, Ari Benjamin Meyers, The Residents oder Heiner Goebbels. Am radialsystem entwickelte sie bereits vor und während der Corona-Pandemie das (Online-)Format What’s That Noise?, das sich der Musik und der Deep Listening-Technik von Pauline Oliveros widmete.

Martha Hincapié Charry (Juli – September 2021) ist eine kolumbianische BIPoC-Künstlerin, Choreografin, Tänzerin und Kuratorin mit indigener Herkunft. Sie studierte Tanztheater- und Solotanz an der Folkwang-Hochschule Essen unter der Leitung von Pina Bausch und war 2019 Stipendiatin des Pina Bausch Fellowships für Tanz und Choreografie. Seit 2011 ist sie künstlerische Leiterin des Festivals Plataforma/SurReal Berlin, das – meist ungefördert – einen Dialograum zwischen den Kontinenten öffnet, in dem die Themen Klimawandel, (Post-)Kolonialismus und die Beziehung zwischen Kunst, Mensch und Natur eine Plattform finden.

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