Ausgabe November/Dezember 2019

Gehabt Euch wohl und macht es besser

Gedanken über das Mutter-und-Künstlerin-Sein, Verbesserungsvorschläge und eine Einladung zum Dialog formuliert die Tänzerin Johanna Lemke.

Frau im Spiegel: Johanna Lemke © Johanna Lemke

Wie soll das gehen, professionell zu tanzen als dreifache Mutter? Diese Frage muss sich Johanna Lemke derzeit sehr oft anhören: Sie ist mit ihrem dritten Kind schwanger und steht vor einer beruflichen Pause. Noch immer ist die Rückkehr in den Tänzer*innenberuf nach einer Elternzeit für Mütter nicht selbstverständlich. Um die Diskussion über alltägliche Vorbehalte und Diskriminierungen voranzubringen, macht sich Johanna Lemke, die bei Constanza Macras, MS Schrittmacher oder Nir de Volff tanzte und bis vor kurzem mit Boris Charmatz’ "10.000 Gesten" tourte, hier sehr persönliche Gedanken über das Mutter-und-Künstlerin-Sein. Außerdem unterbreitet sie konkrete Vorschläge, wie die Arbeitsbedingungen für (freie) Tänzer*innen mit Kindern verbessert werden können. Und eine Möglichkeit, darüber zu sprechen, gibt es auch – "Göttlichkeit trifft Punk", einen Tanzvortrag zum Thema Mütter in der Kunst Anfang November im Dock11.

Ich bin Tänzerin, Performerin, Choreografin. Ich habe immer von meinem Beruf gelebt. Meine Mutter flüchtete vor dem Mauerfall mit mir nach West-Berlin, wo sie sich als junge alleinerziehende Mutter alles selbst hart erkämpft hat. So lernte ich früh, dass Selbständigkeit Freiheit bedeutet.
Grundsätzlich blicke ich auf eine mich zufrieden stellende, aufregende Karriere zurück, mit wundervollen Begegnungen in der Tanz- und Theaterwelt international.
Ich schreibe aus dem tiefen Wunsch heraus, ein Thema an den Tag zu bringen, zu dem jede Frau aus ihrem Leben berichten kann: Diskriminierung. Ein Thema, das mich alltäglich begleitet, vor allem, seit ich Kinder habe. Ein Thema, das für viele erschreckend selbstverständlich ist. Auch aus Anlass meiner dritten Schwangerschaft schreibe ich, weil ich mich, obwohl ich eine mitten in ihrer Karriere stehende Künstlerin bin, diskriminiert und gestresst gefühlt habe. Ich schreibe an alle, weil wir alle geboren wurden und alle einmal Kinder waren.
Von der 100-Prozent-Verfügbarkeit
Ich habe bereits zwei Kinder im Alter von sieben und zehn Jahren. Drei Kinder von drei Vätern, eine unkonventionelle Patchwork-Familie. Ob im Freundeskreis, auf den Ämtern oder im Beruf: Immer muss ich mich erklären. Wäre ich ein Mann, würde das Bild sicherlich nicht so verwirrend auf mein Umfeld wirken, aber als Frau ist es offensichtlich ein Bruch der Norm. Da fängt es schon mal an. Aber auch als Tänzerin muss man sich in Deutschland leider einer permanenten Fragerei unterziehen. An Theatern werden Tänzer*innen noch als statisten­artige Darsteller*innen gewertet und die Förderungen für Tanz in Berlin erlauben kaum einen angemessenen Lebensstandard.
"Wie stellst du dir das mit der Familie vor?", "Das ist uns zu riskant mit der Schwangerschaft!", "Ich habe keine Probleme mit deinem privaten Chaos, aber ich brauche dich 100 Prozent ohne Fehlzeiten." – das sind nur einige der Kommentare, mit denen ich in letzter Zeit auf Grund meiner Schwangerschaft konfrontiert wurde.
Derartige Bevormundungen und Unterstellungen scheinen gegenüber einer schwangeren Frau und Mutter normal zu sein. Mein Mann wird mit solchen Fragen kaum behelligt. Die Rollenverteilung bei Paaren mit Kindern scheint oft klassisch oder gar konservativ zu sein. Das ist organisatorisch sicher einfacher, aber das Glück der Frau steht dabei im Hintergrund. Wenn sie trotz Familie alles hat, muss sie dankbar sein. Bei einem Mann ist das normal. Väter treffe ich in vielen Arbeitszusammenhängen, Mütter dagegen seltener. Vor allem jüngere Mütter. Dazu kommt, dass Frauen am Theater oder in der Freien Szene oft Kämpferin sein müssen und nicht Arbeiterin oder Künstlerin sein dürfen.

Geht mutig Euren eigenen Weg!
An diesem Punkt in meinem Leben habe ich das große Bedürfnis, einen Erfahrungsbericht als Mutter und Künstlerin zu verfassen, und ich möchte dringend zum Dialog einladen – alle, auch die Männer. Mir war bis vor kurzem nicht bewusst, wie viel Aufklärungsbedarf es zu diesem Thema noch gibt. Außerdem möchte ich den Müttern Mut machen. Seid dabei! Auch mit Kindern. Die gehören zum Leben dazu, und auch eine Künstlerin darf Mutter sein. Das sollte endlich als Normalität betrachtet werden.
Es ist eine Art Mutprobe, einen so alten Weg neu zu beschreiten. Warum hat noch keine*r diesen Weg konstruiert?
Als Tänzerin ist mein Körper mein Instrument, mein Kapital. Es gibt wenig Verständnis für Veränderungen des schwangeren Körpers oder der Rückbildungsphase, wenn Kinder krank sind oder MAN sie mit zur Arbeit bringen muss, weil es keine Betreuung gibt. Warum gibt es noch immer keine obligatorische Betreuung bei Proben und Vorstellungen? Das würde das Problem ganz einfach lösen.

Renoviert die Arbeitsbedingungen!
So viele Fragen sind offen: Warum wird Schwangerschaft oft einer Krankheit oder Unfähigkeit gleich gesetzt? Altersarmut bei Frauen ist verbreiteter als bei Männern. Ich denke, das ist so, weil der staatliche Umgang mit den Arbeitspausen während Schwangerschaft und Kindererziehung nicht der Richtige ist.
Ich setze mich seit Jahren für eine faire Bezahlung von Tänzer*innen und Choreogra*finnen ein. Warum verdienen Frauen in vielen Berufen immer noch weniger als Männer und warum sind die Positionen so ungleichmäßig verteilt? Warum gibt es oft keine Pauschalen für Kinderbetreuung bei Vertragsverhandlungen, wenn davon abhängt, ob man eine Arbeit annehmen kann oder nicht? Manchmal kosten Babysitter und Reisetickets so viel, dass ich nicht mehr weiß, warum ich eigentlich arbeite.
Wie machst Du das alles?, ist eine Frage die mich zum Nachdenken anregt und oft ärgert. Ich mach’ halt einfach. Oder? Nein! Die Doppelbelastung, mit der ich seit elf Jahren umgehe und trotz derer ich keinen einzigen Arbeitstag verpasst habe, ist manchmal so heftig, dass ich alles schmeißen will. Aber ich liebe, was ich mache. Und wir leben davon.

Neues Normalnull
Mein Vorschlag, um das Mutter-und-Künstlerin-Sein, besser vereinbaren zu können, ist, dass die Zeit der Schwangerschaft eine Besondere sein darf, in der sich der Körper der Mutter entspannt verändern kann, ohne beurteilt zu werden. Auch im Tanz! Dass MAN sich Zeit nehmen kann, ohne Furcht vor Arbeitsverlust sein Kind in die Welt zu begleiten. Dass verstanden wird, dass Schwangere weiter arbeiten können, wenn sie wollen, auch wenn das manche Anpassungen nötig macht. Dass schwangere Frauen selbst entscheiden können, wann sie zu welcher Arbeit nicht mehr imstande sind. Dass MAN der selbe Mensch bleiben darf und auch mit Kind an genau die selbe Stelle treten kann, an der MAN aufgehört hat. MAN möchte nicht eine "Lücke" in seiner Biografie haben, die finanzielle Nachteile bringt und einem in der Kunstszene Wege verbaut.
Meine Strategie war immer, diese "Lücken" nicht zu haben. Bei beiden Kindern musste und wollte ich meiner Arbeit weiter großen Raum geben. Ich habe das durchgezogen, auch mit Säuglingen. Voll im Stress. Meine Kinder, die ich über alles liebe, mussten mit Abstrichen groß werden. Meine Partner mussten mitmachen.
Derzeit suche ich andere Lösungen. Die Kinder kommen, wenn nötig, mit in die Theater, oder auch auf Tour. Teilweise haben wir längere Strecken durch Homeschooling überbrückt. Auch mit Schulen lässt sich sprechen! Das bedeutet unendliche Organisation und andauernde Auseinandersetzung mit den Kalendern vieler Personen. Darauf sollte bei der Probenplanung Rücksicht genommen werden. Im Sinne aller, das heißt, auch der Väter, Partner*innen, (Groß-)Eltern, Betreuenden in Kitas oder Schulen usw.

Positive Beispiele der Unterstützung
An dieser Stelle möchte ich unbedingt einige positive Beispiele von Arbeitgeber*innen erzählen. Es gibt eine ganze Menge wundervoller und unterstützender Künstler*innen in meiner Biografie. 2008 lernte ich nach der Geburt meines ersten Sohnes die Choreografin Constanza Macras kennen, die sich in der damals noch viel mehr von Männern dominierten Theaterwelt mit politischem Tanztheater und sozialem Engagement durchzusetzen wusste. Wir waren zeitgleich schwanger und das verbündete uns. Das und die Kunst. Obwohl somit zwei frisch gebackene Mütter in der Produktion tätig waren, gewann "Megalopolis" den Deutschen Theaterpreis DER FAUST. Ich wurde Teil von Constanzas Kompanie und über sie Gast an der Schaubühne Berlin. Obwohl ich Kinder hatte. Internationales Touren wurde zur Norm. Und bei meiner zweiten Schwangerschaft konnte ich als Freiberuflerin in "Berlin Elsewhere" weiter tanzen und Geld verdienen. Constanza war eine Verbündete. Ich habe ihr viel zu verdanken.
Ein weiteres Beispiel ist Boris Charmatz. Ich erzählte dem Choreografen 2017 nach der Audition zu "10.000 Gesten" in Brüssel, dass ich zwei Kinder in Berlin habe und nicht sicher sei, wie ich international touren und im Ausland arbeiten könne. Er antwortete, dass er eine kinderfreundliche Kompanie leite und er unbedingt mit mir arbeiten wolle, dass Kinder bei Proben und Vorstellungen kein Tabu seien. Eine familienfreundliche Kompanie in seinem Sinne heißt, dass MAN funktionieren muss wie alle anderen auch, aber dass MAN seine Kinder immer mitbringen kann.
2019 performten wir die "10.000 Gesten", eine sehr physische Arbeit, mit zwei schwangeren Frauen. In seinem Stück sind wir um die 22 Tänzer*innen. Darunter vier Mütter und elf Väter. Durch die Arbeit von Boris wurde ich für den FAUST nominiert. Am Ende habe ich ihn nicht bekommen, aber allein vorgeschlagen gewesen zu sein, war für mich ein großes Geschenk. Für mich und für meine Familie, die sich so angestrengt hat.
Mir ist es ein Anliegen, dass dies nicht eine Beschwerde bleibt, sondern ein Vorschlag, wie es besser gemacht werden kann, und vor allem eine Anregung zum Gespräch. Ein respektvolles Durchleuchten von Arbeitsbedingungen und Vorannahmen gegenüber dem Tänzer*innenberuf, um Besserung zu erzielen.
Wer sich austauschen möchte, kann mich kontaktieren unter: https://www.facebook.com/profile.php?id=100010756965542

"Es geht nicht darum, die kleinen Vorteile von Frauen den kleinen Errungenschaften der Männer gegenüberzustellen, sondern darum alles umzustürzen. Und damit gehabt es wohl, Mädels, und macht’s besser."
(Virginie Despentes, "King Kong Theorie")

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