Ausgabe September/Oktober 2021

Bewegliches Spinnennetz für neue Begegnungen

Über die Konzeptionsphase des Vermittlungszentrums, das Berlins Tanz für vielfältige Zugänge und Perspektiven öffnen soll.

Graphic Recording aus dem TANZmedLAB-5 des Projekts Moving the Forum © yorgos/IMAGISTAN

Berlins Tanzlandschaft soll ein strukturelles Upgrade erfahren. Ein Haus für Tanz und Cho­reo­grafie soll entstehen, ein Archiv und ein Vermittlungszentrum. Diese Vorhaben sind ein Ergebnis des partizipativen Prozesses von Tanzszene, Kulturpolitik und Verwaltung, des Runden Tisch Tanz 2018. Der Entwicklungsplan Tanz wird derzeit vorangetrieben. Für die drei Großprojekte Tanzhaus, Archiv und Vermittlungszentrum wurden seit Herbst 2020 Projektteams für die vom Senat finanzierten Konzeptionsphasen berufen. In Pilotphasen laufen außerdem Maßnahmen wie Langzeitstipendien und Residenzprogramme, um bestehende Lücken im bislang vor allem projektbasiert organisierten Berliner Fördersystem für den Tanz zu schließen. Nach Beiträgen zum Tanz∆rchiv Berlin und dem Haus für Tanz und Choreografie in den vorherigen ­Ausgaben fragen wir nun: Woran arbeitet derzeit die Steuerungsgruppe Vermittlung? Davon erzählen Elena Basteri, Tanzwissenschaftlerin und Dramaturgin, Janne Gregor, Choreografin und Tanzvermittlerin, und Gabriele Reuter, Choreografin, Tanzvermittlerin und Urbanistin, die gemeinsam mit der Choreografin, Autorin und Aktivistin Nora Amin die Steuerungsgruppe ­bilden.

Im Gespräch mit: Elena Basteri, Janne Gregor und Gabriele Reuter, Text: Elena Philipp

Konzept für ein Vermittlungszentrum

Unsere Ziele für die Konzeptionsphase zum Vermittlungszentrum? Zukunftsweisende Führungs- und Arbeitsstrukturen im Tanzbereich zu fördern; Wissen und Ressourcen über Tanzvermittlung zu bündeln, vor allem im Hinblick auf eine Stärkung der städtischen Peripherie; diskriminierende Strukturen auch in der Tanzvermittlung zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken; und für bisher unterrepräsentierte Formen des Tanzes einen festen Platz in dieser Arbeit zu finden.

Gestartet sind wir mit dem Auftrag, bis Ende 2021 ein Vermittlungszentrum zu konzipieren und zu überlegen, wie sich das in den kommenden Jahren strukturell und kulturpolitisch umsetzen lässt. Im Februar 2021 haben wir eine Bestandsaufnahme erarbeitet und ein Leitbild für unsere Arbeit ent­wickelt. Die Aufgabe eines zukünftigen Tanzvermittlungszentrums verstehen wir als die einer Koordinationsstelle und eines Katalysators für das breite, vielseitige Feld der Tanzvermittlung in Berlin. Vergleichbar mit einem Spinnennetz, das beweglich bleibt und kontinuierlich neue Pfade für Begegnungen zwischen Zentrum und Peripherie schafft.

Aufsuchende Praxis, die Bedarfe aufspürt

Mit der Idee eines „Zentrums“ ringen wir seit Beginn unserer Konzeptionsarbeit. Sinnvoll und von den Akteur*innen gewünscht ist es, als eine mögliche Verbindung zwischen Gesellschaft, Publikum und dem Tanz und als wichtiger Schritt für mehr Sichtbarkeit und eine strukturell verankerte Präsenz für Tanzvermittlungsarbeit in Berlin. Wir fragen uns aber, ob es ein räumliches Zentrum für Vermittlung geben muss oder ob Vermittlung mobil sein sollte, an vielen Orten präsent. Hierzu recherchieren wir derzeit und versuchen herauszufinden, was für die Stadt und die Tanzszene Sinn macht. Wir denken, es braucht einen Ort, der die schon stattfindende dezentrale Arbeit strukturell und personell unterstützen kann.

In den Außenbezirken der Stadt ist vor allem eine bewegliche und zugleich kontinuierliche, aufsuchende Vermittlungsarbeit wichtig. Praktisch erproben wir in einem größeren Team ein dezentrales Vermittlungszentrum in Marzahn, Hellersdorf und Westend. Das gemeinsam mit Sven Seeger entwickelte Projekt „Mobiler Tanzsaal“ wird vom Projektfonds Urbane Praxis unterstützt. An drei Standorten finden von Juli bis Ende September 2021 Tanz- und Diskursformate statt. Die Standortentwicklung Campus Esche Westend, das Stadtwerk mrzn/­Schlesische27 und die nGBK Hellersdorf sind bisher von der Tanzszene nahezu unerschlossene Orte.

Uns ist diese aufsuchende Arbeit wichtig – nicht nur Neues anzustoßen, sondern das zu unterstützen, was schon da ist, und neue Verbindungen herzustellen. Wie kann man zum Beispiel ein Jugendzentrum am Rand von Berlin mit einem Haus für Tanz und Choreografie verknüpfen?

Fragmentiertes Feld

So konzipieren wir durch die Praxis, durchs Ausprobieren, in Workshops und indem wir zu den Akteur*innen gehen und hören, was sie brauchen. Das aufsuchende Gespräch war auch ein großer Teil unserer Bestandsaufnahme zu dem, was in Berlin im Bereich Vermittlung derzeit stattfindet. In einem kollektiven Prozess entwickelte und führte das erweiterte Team gemeinsam mit der Tanzwissenschaftlerin und Kuratorin Elisa Ricci im Winter qualitative Interviews, mit der Soziologin Melisa Bel Adasme haben wir eine Online-Umfrage erstellt und ausgewertet. Alle Interview-Teilnehmer*innen luden wir dann zu einem Labor ein, um sie in Dialog zu bringen und ihnen zu ermöglichen, ihre eigene Perspektive in Frage zu stellen oder mit anderen Vorschlägen in Bezug zu setzen.

Durch die Umfrage, die Interviews und unsere Begegnungen mit unterschiedlichen Akteur*innen haben wir von einem hohen infrastrukturellen Bedarf erfahren. Das Feld der Tanzvermittlung in Berlin ist fragmentiert und hat zu wenig Ressourcen. Es fehlt an Kontinuität und Aussichten für die Akteur*innen der Szene und die Nutzer*innen von Vermittlungsangeboten. Strukturell ist der Bereiche Vermittlung nicht gut innerhalb der Institutionen verankert, und es gibt keine stadtweite, bereichsübergreifende Koordination von Angeboten. So wie es nur wenige Möglichkeiten und Angebote zu Vernetzung, Austausch und Kooperationen der Akteur*innen gibt. Hier klaffen viele Leerstellen.

Diversität und Inklusion: grundlegend

Unser Team hatte einen etwas ungewöhnlichen Start, da wir von der Auswahlkommission des ZTB – Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V., des Netzwerks TanzRaumBerlin und des Tanzbüro Berlin für die Steuerungsgruppen aus Einzelbewerbungen zusammengebracht wurden. Unser erster Auftrag war es, der Perspektive Diversität und Inklusion durch eine weitere Person Raum zu geben. Das warf für uns einige Fragen auf: Warum gab es bisher keine Bewerbungen mit dieser Expertise? Wer hat Zugang zu Wissen und Netzwerken der Tanzszene? Die Suche nach einem vierten Teammitglied hat unsere Identität als Team gebildet und eine erste Vision entstehen lassen: Wir wollen unsere Arbeit für möglichst viele Perspektiven öffnen. Mit Teo S. Vlad, Joy Alpuerto Ritter, Sven Seeger, Angela Alves und Elisa Ricci haben wir ein erweitertes Team von Expert*innen und Künstler*innen eingeladen, ihre Perspektiven einzubringen, aus der Trans*Queer Community, der Urban Dance Community, der Interkulturellen Arbeit und dem Bereich Inklusion und Barrierefreiheit.

Vergleichbar mit der Metapher des beweglichen Spinnennetzes setzen wir vor allem in der Findungsphase dieses erweiterten Teams auf dezentrale, kollektive Arbeitsweisen. Das bedeutet konkret, die Prinzipien, die wir nach außen vertreten, auch intern anzuwenden, also machtkritisch, diskriminierungssensibel und zugänglich zu agieren.

Im August haben wir an einem Workshop zur Sensibilisierung von Arbeitsstrukturen teilgenommen, mit Noa Winter und Anne Rieger von der Initiative Making a Difference für mehr Inklusion und Barrierefreiheit im Tanz. In den letzten Monaten der Zusammenarbeit, erschwert durch Zeitdruck und Pandemie, haben wir viel gelernt: Wir brauchen dringend Prinzipien und Praktiken, mit denen wir uns selbst schützen und mit Aufmerksamkeit und Care für andere da sein können. Wir wissen alle, dass es im Kulturbetrieb viel um Selbstausbeutung und Konkurrenz geht. Das sind also große Themen, die das ganze Feld betreffen.

Eine wohlwollende Haltung gegenüber Inklusion und Diversität haben sicher viele – aber wenn es um Budgets geht, zum Beispiel für die Übersetzung in leichte Sprache, oder um mehr Probenzeit für neurodiverse Tänzer*innen, dann wird es meist schwierig.
Nur wenn wir es schaffen, gleich zu Beginn dieser Konzeptionsarbeit eine gemeinsame Arbeitsstruktur zu schaffen, die diese Herausforderungen anerkennt und ihnen immer wieder bewusst im Arbeitsalltag begegnet, ist für uns die Basis für ein wirklich zukunftsweisendes Angebot für den Tanz gegeben.

Vielfältige Zugänge schaffen

Oft diskutieren wir über Zugänge. „Die Zugänglichkeit von Tanz in den Fokus zu nehmen, schließt die Aufgabe mit ein, Barrieren des Zugangs zu benennen und abzubauen“, haben wir in unserem ersten Ergebnisbericht für den Senat formuliert. Wer hat wie Zugang zu Tanz? Können unterschiedliche Zugänge ermöglicht werden? In Entstehung ist ein Access Rider – was brauchen wir, welche Zugänge müssen geschaffen werden, jetzt, aber auch für nachfolgende Generationen? Wie wollen wir miteinander arbeiten?

Dabei stellt sich uns auch immer wieder die Frage, was der Begriff Tanzvermittlung eigentlich bedeutet. Er erstreckt sich über Felder wie Tanzpädagogik, kulturelle Bildung, Audience Development oder künstlerische Forschung. Was bedeutet Vermittlung für die Gruppen, die wir ansprechen? Wer versteht den Begriff auf welche Weise? Auch innerhalb der Tanzszene wird er sehr unterschiedlich interpretiert und wahrgenommen. Die unklare Begriffsdefinition des Feldes ist immer wieder problematisch, für Akteur*innen, im Bereich der Förderung und Ausbildung und für die Nutzer*innen der Angebote. Für uns haben wir vorläufig definiert, dass Tanzvermittlung prinzipiell alle Menschen anspricht, ihre Erfahrungen mit und durch Tanz zu vertiefen, sie mit dem eigenen Alltag zu verbinden und für gesellschaftliche Veränderungen zu nutzen.

Die transformative Kraft des Tanzes nutzen

Natürlich haben nicht alle Tanzvermittlungsformate das Potential, unmittelbar gesellschaftliche Strukturen zu verändern, langfristig Hierarchien abzubauen oder einem diskriminierenden Umfeld entgegenzuwirken. Aber selbst niedrigschwellige Zugänge zu vertiefenden Erfahrungen mit Tanz- und Bewegungsforschung schaffen neue zwischenmenschliche Möglichkeitsfelder und in den Alltag übertragbare soziale Handlungsräume. Gerade nach der Pandemie ist dieses reale, körperlich-sinnliche Miteinander dringend notwendig. So kann und sollte Tanzvermittlungsarbeit die transformative Kraft des Tanzes in den Fokus nehmen, sein Potential, in die Gesellschaft zu wirken.

Wie es weitergeht, wenn Ende 2021 die Konzeptionsphase endet und unsere Verträge auslaufen? Auch wegen der Wahlen Ende September weiß derzeit niemand genau, wie es weitergeht und ob mit dem entstehenden Konzept etwas passiert. Das ist eine sehr unsichere Situation, auch für uns persönlich: Welche Projekte sollen wir in unseren Jobs als Choreografin, Dramaturgin oder Tanzvermittlerin beantragen, um unser Einkommen zu sichern? Wir haben viel geschafft in diesem Jahr. Aber wir können nicht, wie eigentlich nötig, mit einer längerfristigen Perspektive arbeiten, auch wenn wir durch Praxisprojekte oder Partnerschaften jetzt schon Fakten schaffen.

Was wir tun können, ist, mit der Kulturpolitik und der Verwaltung in engem Dialog zu bleiben und dann unseren, mit den anderen beiden Steuerungsgruppen abgeglichenen, Vorschlag für ein Tanzvermittlungszentrum an das nächste Abgeordnetenhaus heranzutragen. Dafür versuchen wir alles, was wir zusammengebracht haben, so klar zu strukturieren, dass wir hoffentlich etwas bewegen können. Es geht ja auch um den nachhaltigen Einsatz von Steuergeldern. Und um eine Perspektive – die Weiterführung der im Runden Tisch Tanz angestoßenen Prozesse, für die Kulturstadt Berlin.


Einladung: Eine Veranstaltung am 28. September 2021 von 16 – 19 Uhr, in den Räumen der Berlin Mondiale am -Wassertorplatz in Kreuzberg, wird die Ergebnisse des Pilotprojekts und die Arbeit der erweiterten -Steuerungsgruppe vorstellen und gemeinsam -diskutieren.

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