edition November/December 2020

Von Abstand bis Zusammensein

Wie das 7. Tanztreffen der Jugend trotz Corona stattfinden konnte und welche Bedeutung Tanz(en) für die Eingeladenen derzeit hat.

@ Dave Grossmann

Auf Abstand gehen – für den Tanz ist das erstmal schwierig. Und doch bahnt sich die Kunstform ihre Wege: Trotz Pandemie wird weiterhin getanzt, auch gemeinsam. Wie das möglich ist, zeigte im September das Tanztreffen der Jugend. Der Bundeswettbewerb der Berliner Festspiele machte es sich zum Anliegen, unter Hygienevorschriften verantwortungsbewusst Begegnungen zu schaffen. Wie entsteht Zusammenhalt trotz Abstand? Ein Bericht von Alma Dewerny, die für die Social-Media-Kanäle der Berliner Festspiele die Workshops, Showings und Diskussionen begleitete.

Alma Dewerny

Klara und Adama tanzen die Geschichte ihrer Freundschaft. Unter anderen Umständen hätten sie sie anders erzählt: durch körperliche Nähe. Doch trotz Abstandsgebot haben sie einen Weg gefunden, ihr Anliegen mit dem Publikum zu teilen. In ihrem Duo „Why don’t you“ wird deutlich, dass Tanz nicht immer auf Nähe angewiesen ist. Tanz ist ein Ausdruck von Emotionen und Energie.

So viel mehr als Nähe

Klara und Adama haben sich durch den zeitgenössischen Berliner Tanz kennengelernt. Als Duo Klaraadama gehören sie zu den acht eingeladenen Solist*innen und Ensembles beim 7. Tanztreffen der Jugend. „Why don’t you“, nach dem gleichnamigen Song von Cleo Sol, handelt von der Beziehung zwischen zwei Menschen – und zeigt die Entwicklung der Performer*innen, ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Erwartungen an den Anderen.

Zu Beginn haben Klara und Adama viel mit Kontaktimprovisation gearbeitet, „etwas sehr Intimes zwischen Tänzer und Tänzerin, was leider verloren gegangen ist“, erzählt Klara. Doch nicht nur die Arbeitsweise ist in diesem Jahr eingeschränkt, sondern auch die Räume, in denen getanzt werden darf, sind es. So probt und choreografiert das Duo auf dem Tempelhofer Feld oder auf dem Dach eines Parkhauses in Kreuzberg. Inspiriert werden sie vom markanten Rhythmus der Musik. Das Duo hat Stile wie Hip-Hop, Contemporary und Afro in die Performance einfließen lassen. Sie handelt davon, loszulassen und sich auch in einer Beziehung selbst zu entfalten.

Loslassen mussten auch die Berliner Festspiele: Das Konzept des Bundeswettbewerbs musste Corona-gerecht umgestaltet werden. Aus 51 Bewerbungen wurden die acht Ensembles und Solist*innen dieses Jahr erstmals ohne Vorstellungsbesuche ausgewählt und eingeladen nur auf der Grundlage von Videomaterial. Damit der Austausch und die Begegnung in den Weddinger Uferstudios stattfinden konnte, galt es für alle Teilnehmenden, sich an die Hygienevorschriften zu halten.

Von Grenzen, Isolation und Zusammenhalt

Die 20-jährige Clara Helene performt zum ersten Mal ein selbst choreografiertes Solo. In „Grenz- gänger – Ein Versuch“ reflektiert sie ihre eigenen Grenzen und den Wunsch, diese zu überschreiten. Alleine steht sie auf der Bühne und fragt ins Pub- likum: „Was bedeutet es, Grenzen zu überschreiten?“ Leise Antworten kommen aus dem Zuschauerraum. Clara Helene selbst hat das Gefühl, dass sie von Beginn an mit dem Publikum in Kontakt steht.

Die ausgewählten Stücke in diesem Jahr handeln von Grenzen, Isolation, Konflikten, Zusammenhalt und Hoffnung. Die Solist*innen und Duos können ihre Stücke auf der Bühne tanzen, dafür ist der Raum groß genug. Ensembles vermitteln mit Videomaterialien und performativen Ausschnitten einen Eindruck ihrer Arbeiten.

Die Pandemie hat Arbeitsprozesse verändert, hat Räume begrenzt und neue Themen gesetzt. Doch auf dem 7. Tanztreffen der Jugend entstand in den Uferstudios ein Raum, in dem die Teilnehmenden sich austauschen und voneinander lernen konnten. In den Workshops ging es nicht nur um Moves und Tanzschritte, sondern auch um die Geschichte der Tanzkultur – Tanz bedeutet auch immer, eine Kultur kennenzulernen und diese zu respektieren. In den Workshops zum urbanen Tanz oder auch im Voguing „ging es darum, sich emotional mit einer Tanzrichtung auseinanderzusetzen“, berichtet Klara. „Das beeinflusst auch dein Selbstverständnis als Tänzer*in.“

Die Stimmung auf dem Tanztreffen der Jugend war voller Energie, den ganzen Tag lief Musik. Die Teilnehmenden improvisierten eigene Choreogra- fien und zeigten sich gegenseitig ihre Tanzstile. „Natürlich haben wir Abstand gehalten, aber das haben wir gar nicht gemerkt, weil wir trotzdem zusammen tanzten“, erinnert sich Clara Helene. Was bleibt? Geplant sind Projekte beispielsweise zwischen den Ensembles aus Schwerin und Hamburg. Der Austausch, die Inspiration und Tanzschritte werden in neue Produktionen einfließen. Und schlussendlich konnten die Teilnehmenden die Perspektive wechseln und Tanz nicht nur als Kunstform sondern auch als persönliches Ausdrucksmittel kennenlernen.

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