edition November/December 2020

(Un-)Lust am Text?

Der Kulturjournalismus stirbt aus. Selber schuld? Oder ist es vielleicht komplizierter? Zur Frage der Kritik.

© Tanzbüro Berlin

Astrid Kaminski
Kulturjournalistin

Mit dem Schimpfen auf die Presse scheint man in letzter Zeit immer richtig zu liegen. Ungenaue, bösartige, lügende Journalist*innen – sind sie nicht allüberall? Journalismus abzuschreiben, darauf kön- nen sich neuerdings sogar Rechte und Linke einigen.

Apropos Abschreiben: Neulich war ich beim Blutabnehmen und musste mir auf die Frage nach meinem Beruf hin anhören, dass „Journalisten ja sowieso nur abschreiben“ würden. Was hätte ich sagen sollen: Dass ein Zitieren von Quellen noch kein Abschreiben sein muss? Dass ein Kopieren eines dpa-Artikels damit zusammenhängen kann, dass die Zeitung nicht genügend eigene Expert*innen hat, weil sie letztlich nicht genügend Abonnent*innen hat, um sich welche zu leisten, und sich daher lieber gegen Bezahlung aus sicheren Quel- len bedient, als einfach irgendwas zu schreiben? Ich sagte gar nichts. Die Nadel war schon wieder draußen und das Thema erledigt.

Wehsingen oder Weiterschreiben?

So schlimm der Journalismus nach Meinung eines erstaunlich breiten Mainstreams auch sein mag, es geht offenbar noch schlimmer, beziehungsweise es scheint eine schlimmste Form davon zu geben: die Kritik beziehungsweise die Kritiker*innen. Statt zu informieren, urteilen sie, und wenn sie nicht Programmhefte abschreiben, belästigen sie die Leser*innen mit ihrem Geschmack.

Klar ist, dass der Journalismus in einer Zeit, in der die Gesellschaft in Extreme auseinanderfällt, einer Zeit, die von manchen eine Art Neues Mittelalter und von der Dichterin Ellen Hinsey „The Illegal Age“ genannt wird, nicht einfach mit denselben Mitteln weitermachen kann. Sich stets etwas mehr beschimpfen lassen und weiterschreiben, bis es nicht mehr weiter geht, ist keine Option.

Aber was wäre die Alternative? Wehgesänge? Wir können sie selbst nicht mehr hören. Also einfach nicht mehr schreiben? Was den Kulturjournalismus angeht, wäre das die einfachste Lösung. Er taucht in den Zeitungen sowieso kaum mehr auf, ist oft das erste Ressort, an dem gespart wird. Wir Kulturjournalist*innen, insbesondere im Bereich der Darstellenden Künste, scheinen eine Arabeske von Disziplinen zu sein, die ohne uns genauso laufen oder sogar besser. Die Gründe, warum wir unseren Job machen, scheinen nicht (mehr) valide. Auch wenn wir immer wieder in Versuchung kommen, sie doch noch einmal zu erklären. So schrieb Anfang Oktober die Theaterjournalistin Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung: „Das klingt vielleicht kitschig, aber ich glaube an eine dienende, uneitle Kritik und sehe mich als eine Art Brückenbauerin zwischen Kunst und Lesern.“ Daraufhin zitierte sie den Filmkritiker A. O. Scott: „Die Kunst ist dazu da, unser Denken zu befreien, und die Aufgabe der Kritik ist es, herauszufinden, was wir mit dieser Freiheit anfangen sollen.“

Sinn aus dem Erlebten schaffen

Ich glaube etwas weniger an die „uneitle Kritik“, aber ich habe in meiner Rede „Tod einer Kritikerin“ (Dresden 2019/Köln 2020) ebenfalls ein paar streitbare Gründe zusammengefasst, warum ich Kulturjournalistin – oder in der verknappten Außenbezeichnung „Kritikerin“ – wurde:

„Ich wurde Kritikerin wegen einer Faszination an den Erfahrungen des Schreibens. Sich durch Erlebnisse hindurchschreiben. Sie durch Worte wieder zu fühlen oder zum ersten Mal durch Worte zu fühlen.

Ich wurde Kritikerin, um nicht faul zu sein. Um nicht nur zu konsumieren und bei einer Geschmacksreaktion stehen zu bleiben, sondern um mich zu zwingen, mich zu beziehen und einen Sinn aus dem Erlebten zu schaffen.

Ich wurde Kritikerin, weil ich den Sog der Konzentration mag, der entsteht, wenn ich in nur wenigen Stunden ein Erlebnis, das mir vollkommen unklar ist, analysieren, beschreiben, einordnen muss. Diese Konzentration hat in Aspekten

auch etwas von einer Meditation. Es ist auf jeden Fall eine Erfahrung von Willenskraft – wenn viel- leicht auch von einer, die einen Pakt mit der Eitelkeit geschlossen hat.

Ich wurde und blieb Kritikerin wegen meiner Zuneigung zur Berliner Tanzszene. Als ich anfing, Rezensionen zu schreiben, schrieb ich hauptsächlich über Theater und Literatur. Als ich aber 2011 zum zweiten Mal nach Berlin zog, war ich überwältigt von dem, was dort vor sich ging. Ich war überwältigt von den Charakteren der Leute, die im Tanzbereich arbeiteten. Ich wollte der Welt davon erzählen. Ich wollte mich der Herausforderung stellen, bewegende Ausdrücke und Beschreibungen dieser Denkspiele, Gemeinschaftsexperimente, Meditationen, care sessions, Körperbilder überwindendender genderfluider Atmosphären zu finden.

Und schließlich wurde ich Kritikerin, weil ich nicht wusste, was das wirklich bedeuten würde.“

Unser Bestes denken

Habe ich die Machtfrage vergessen?, überlegte ich daraufhin, um nicht zu selbstgefällig zu sein, in jener Rede. Ich weiß es nicht. Es stimmt, dass ich manchmal eine bestimmte Macht, die Macht der guten Formulierung genieße. Die Möglichkeit, die Mittel zu haben, Dinge so oder so interpretieren zu können, ein Angebot zu machen, ein Ausrufezeichen in die Welt zu setzen. Wobei solche Setzungen oft eher Angst als Triumphe auslösen. Werde ich bereuen?

Zum Glück sind Texte aber tatsächlich, zumindest wenn man sich die Mühe macht, lesbar. Sie zeigen ihre Widersprüche auf. Alles Nicht-Gedachte. Alles, was anders gedacht hätte werden können oder müssen, aber in den wenigen Stunden des Schreibens bis zur Abgabe nicht parat war. So sind Texte auch ein Ansporn und ein Anspruch, es besser zu machen. Manchmal eine unerträgliche Ohrfeige an mich selbst.

Diese Gründe und Gedanken klingen vielleicht sogar einigermaßen nachvollziehbar. Vielleicht sind wir, die Kritiker*innen, auch wenn wir einiges falsch machen, gar nicht so ganz daneben. Vielleicht haben wir sogar schon längst kapiert, dass wir nicht Papst sondern Leute mit subjektiven Wahr- nehmungen und Wahrheiten sind. Vielleicht haben wir Foucault (siehe oben) und Deleuze (zum Beispiel „Kritik und Klinik“) und danach auch noch so manches andere gelesen, und versuchen unser Bestes, bei allem Niedergang unseres Metiers trotzdem noch zu denken.

Der Punkt ist nur: Es bringt nichts. Denn wo sind die Leser*innen und warum schreien sie nicht auf, wenn wir Exemplar für Exemplar aussterben? Oder anders: Was, wenn „die Lust am Text“ (Roland Barthes) nicht reziprok ist? Wenn keiner lesen will, was geschrieben wird?

Wer liest, was geschrieben wird?

Interessanterweise ist es ja nicht so, dass weniger geschrieben wird. Statt für leser*innenfinanzierte Zeitungen wird inzwischen mehr und mehr für Webseiten und Magazine geschrieben, die Theater und andere Kulturinstitutionen von Steuergeldern finanzieren und selbst betreiben. Sehr viele Theater und Festivals haben inzwischen eigene Publikationen. Ob das Geschriebene auch gelesen wird, ist schwer zu ermitteln, und Klickzahlen würden ohnehin nicht alles sagen.

Die Krise des Schreibens ist also auch eine Krise des Lesens. Und damit ist das Problem viel komplizierter. Es wird zu einer Frage, wie wir – jenseits von Argumenten wie digitalen Aufmerksamkeitsspannen (denn wir sind nicht ausschließlich Pawlow’sche Hunde) – Lesebedarfe, Anreize und eventuell sogar einen neuen Markt schaffen. Was momentan im Kulturbereich passiert, i st eine Verlagerung des Prob- lems: Die Zeitung wurde abgeschrieben, die Textproduktion anderswo angesiedelt, die Fragen aber, welche Art von Schreiben über Kultur oder Schreiben als Kulturpraxis wir brauchen beziehungsweise lesen wollen, bleiben größtenteils ungestellt und noch viel weniger beantwortet.

Brauchen wir ein Schreiben, das zwischen Kunst und Rezipient*in vermittelt? Brauchen wir eines, das als Referenz, als Gütezeichen funktioniert? Eines, das Meinungspluralismus abbildet? Brauchen wir eine Kritik, wenn eine Performance mal langweilig geraten ist? Brauchen wir ein Schreiben, das Kulturpolitik beurteilt? Brauchen wir eines, das Förder- geldbetrug aufdeckt? Oder einfach nur eines, das Lust am Lesen macht? Eines, das, wie Gilles Deleuze forderte, ermöglicht und nicht beurteilt?

Brauchen wir also ein Schreiben, das „ex posi- tivo“ neue Sichtweisen schafft, ohne sich stän- dig in kritische Distanz zu dem, was es überwinden möchte, begeben zu müssen? Brauchen wir ein „epikureisches“ Schreiben, das die Wahrnehmung über die Deutung stellt? Oder brauchen wir, wie der zeitgenössische Philosoph Emanuele Coccia nahelegt, einen neuen Begriff der Werbung, um darauf ein „werbendes“ Schreiben aufbauen zu können? Brauchen wir vielleicht letztlich eine Überwindung des Kritikbegriffes und seiner Verhaftung am Subjekt der Aufklärung, das ein andere Subjekte ausschließendes, sich selbst überhöhendes ist? Hätte ein zugewandteres Schreiben aus einem Bewusstsein der Post-Kritik bei den Leser*innen eine Chance?

Um diese Fragen zu klären, brauchen wir in erster Linie nicht unbedingt Klickzahlen sondern vor allem zwei Dinge: Experimente und Austausch. Wenn wir die Krise des Schreibens als Krise des Lesens ernst nehmen, können wir vielleicht ermitteln, was uns wirklich fehlt.

Astrid Kaminski hat für das Portal tanz­schreiber des Tanzbüro Berlin die Begleitreihe Blattkritik entwickelt, in der an verschiedenen Berliner Theatern und Tanzorten öffentlich über Rezensionen gesprochen wurde. Ab dem 21. November 2020 läuft in Verlängerung davon auf den Webseiten von tanzschreiber und radialsystem die digitale Konferenz „Wozu Kulturkritik?“ an.

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