Ausgabe September-Oktober 2022

Kunst der kommunikativen Kompetenz

Über (Tanz-)Dramaturgie, ihre Aufgaben und eine Plattform für Dramaturg*innen.

„Dramaturgie will betrachtet werden“ © Anne Kersting

Welche Funktion(en) hat (Tanz-)Dramaturgie und an welchen Punkten ist sie in Veränderung begriffen? Die vielfältigen und zunehmenden Anforderungen an das Tätigkeitsfeld beschreibt die Dramaturgin und Kuratorin Anne Kersting. Mit ihrer Kollegin Alexandra Schmidt und einer Reihe kooperierender Institutionen hat sie eine Austausch- und Fortbildungsplattform gegründet, Meeting Point Dramaturgy, bei der junge Professionals Visionen für Dramaturgie(n) der Zukunft diskutieren.

Text: Anne Kersting
Dramaturgin und Kuratorin

Auf die häufig gestellte Frage, was Tanzdramaturgie sei, würde ich, in der Kürze eines Textes, sagen, dass Tanzdramaturgie ohne ihren Untersuchungsgegenstand nichts ist. Sie beginnt zu sein, wenn sie eine Haltung annimmt und sich klar zu ihren Untersuchungsgegenständen positioniert.

Gegenstände im Plural, ja, denn es sind viele: Das zu konzipierende und zu inszenierende Stück, das Team als eine Gruppe unterschiedlicher Persönlichkeiten und Identitäten, das Team als eine Gruppe mit unterschiedlichen künstlerischen Interessen und Ansätzen, die produzierenden und finanzierenden Institutionen, die zu antizipierenden und später anwesenden Zuschauer*innen, auch sie als eine Gruppe von Personen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Identitäten und Interessen.

Somit ja: Tanzdramaturgie, deren Grundfunktion Kommunikation ist, widmet sich diesen Interessen und Bedürfnissen. Sie sammelt sie, sie macht sie teilbar, das ist dramaturgische Praxis. Aber wie und mit welchem Ziel vertritt Tanzdramaturgie ihre eigenen Interessen, angesichts wachsender struktureller, kulturpolitischer, ökonomischer, ökologischer und identitätspolitischer Anforderungen?

Dramaturgie will betrachtet werden
Braucht Tanzdramaturgie heute für sich das Gleiche, was sie auch Anderen anbietet?
Ja. Denn um sich inmitten ihres künstlerischen, soziologischen, politischen und emotionalen Wirkens darüber im Klaren zu sein, was sie tut, braucht auch sie Feedback.
Sie braucht Reibung, sie braucht eigene Zeiträume, sie will verhandelt werden. Sie braucht, wie alle anderen Kunstschaffenden, einen guten Grund, eine Arbeit öffentlich zu zeigen und sie mit Zuschauer*innen zu teilen.

Erneut die Frage: Braucht Dramaturgie für sich das Gleiche, was sie auch Anderen gibt? Ja, sie braucht eine kritische, kulturpolitische, gar ethische Befragung ihres eigenen Feldes. Sie braucht eine nachhaltige Vernetzung sowie einen tanzdramaturgischen Wissensaustausch. Sie braucht neben ihrer fürsorglichen Praxis auch Selbstsorge, um die wachsenden Anforderungen an Produktionsdramaturg*innen und von Produktionsdramaturg*innen zu erforschen.
Hierzu haben wir, Anne Kersting (Dramaturgin und Kuratorin) und Alexandra Schmidt (Kulturproduzentin), in Kooperation mit K3 | Tanzplan Hamburg, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste und den Sophiensælen Berlin, 2021 eine Weiterbildungsplattform für Tanzdramaturg*innen gegründet.

Erwartungen erkennen und diskutieren
Meeting Point Dramaturgy ist ein Begegnungsraum für sich in den Anfangsjahren ihrer beruflichen Tätigkeit befindende Dramaturg*innen, die daran interessiert sind, entlang dialogischer Praktiken Ressourcen, Leitlinien, Erfahrungen, Erwartungen, Utopien und Ethiken zu teilen, um Visionen für zukünftige Dramaturgien zu diskutieren.

Denn während der Tanz längst nicht mehr nur seinen Begriff erweitert, sondern auch sein Interesse an der sozialen Sphäre, fragt Meeting Point Dramaturgy, wie wir heute produzieren wollen, beziehungsweise was Produzieren beinhaltet. Im Innen wie im Außen ist heutige Tanzdramaturgie mit sozialen Fragen konfrontiert, die zwangsläufig den Radius ihrer interdisziplinären, kompositorischen Praxis erweitern. Neben dem ihr wesentlichen Beitrag an der Erarbeitung von Stücken und Aufführungsformaten, neben der Benennung, Befragung und Versprachlichung entstehender Bühnenformen erarbeitet Dramaturgie längst andere Räume: emotionale, soziale und politische Verhandlungsräume – im Probenprozess selbst, aber auch am Markt. Dabei ist ihre derzeit notwendige Aushandlung von Identitätspolitiken nicht zwangsläufig immer eine künstlerische Auseinandersetzung, aber sie verändert die künstlerischen und inszenatorischen Parameter von Tanz und Performing Arts grundlegend.

Die Interessen aller Beteiligten mitdenken
Welches politische Fundament kann also Tanzdramaturgie für kulturelle Arbeit legen, wenngleich sie am tradierten, fortwährend effizienten Produzieren darstellender Künste beteiligt ist? Und meint Produktionsdramaturgie die Erarbeitung eines Stückes oder die Gastgeberschaft eines Abends? Dramaturgie würde inkohärent werden, würde sie nicht darüber nachdenken, wer sie ist und was sie hervorbringt.

Es beginnt mit der ihr anhaftenden, dennoch unklaren Funktion der Fürsorglichkeit: Wie kann Dramaturgie geben, beziehungsweise Wissen, Ressourcen und Positionen anbieten, ohne dominant zu werden? Wie kann sie sich eine eigene Haltung herausnehmen, ohne sie gleich aufzudrängen? Wie kann sie Entscheidungsprozesse befördern, indem sie sie öffnet? Dramaturgie kommt als vermittelnde Tätigkeit nicht darum herum, die Interessen ihrer Ansprechpartner*innen mitzudenken und sich ihnen zu widmen. Vom Probenteam bis hin zu den Zuschauer*innen.

Und weil Dramaturgie nun mal Beziehungsarbeit ist, mit gebenden wie nehmenden Aspekten, sollte sie ihre unterschiedlichen Beziehungen überdenken: ihr Wirken in eine produzierende Gruppe hinein, ihre Verantwortung für die Performance, ihre Gastgeberschaft und ihr Interesse gegenüber dem Publikum, ihren Spielraum als Vermittlerin eigener und anderer Interessen und ihren Umgang mit den vom Markt diktierten Parametern von Produktionsbudgets, Produktionszeit und Vermarktung.

In Beziehung(en) gehen
Demnach folgt das Format der Weiterbildungsplattform Meeting Point Dramaturgy einem relationalen Prinzip: Es fordert zum Dialog über Tanzdramaturgie auf und befragt hierzu die weiteren Akteur*innen von Tanz und Performing Arts zu ihren Erwartungen an das Fach Tanzdramaturgie. In einer Episode treffen die Dramaturg*innen von Meeting Point Dramaturgy auf Choreograf*innen, in einer zweiten Episode treffen sie auf Kultur- und Förderinstitutionen und in einer weiteren auf Zuschauer*innen.
Und dann reden sie, mehrere Tage lang.

Die wechselnden Paarbildungen dienen dabei der Benennung gegenseitiger Erwartungen und Forderungen aneinander und lenken den Fokus auf die strukturell bestimmten sowie auf die selbstbestimmten Verantwortungsbereiche von Tanzdramaturgie.
Soviel zum heutigen Stand von Meeting Point Dramaturgy.

Dramaturgie der Zeitlichkeit
Über diese bisherigen Episoden hinaus möchte das Projekt Meeting Point Dramaturgy auf lange Sicht eine kontinuierliche Erforschung dramaturgischer Tools ermöglichen und sich der wohl wichtigsten Ressource von Dramaturgie widmen: Zeit.

Die darstellenden Künste bewegen sich längst über ihren inszenatorischen Auftrag hinaus und schaffen mit ihren Performances Anlässe zu Begegnungen. Es geht nicht mehr nur um die Aufführungszeit, sondern auch um das Davor und das Danach.

Aus einem dramaturgischen Geben wird unter diesen Umständen ein Nehmen, ein Sich-Zeit-Nehmen, um Aufführungspraxis unverkitscht als fürsorgliche Begegnungspraxis zu begreifen. Dramaturgie hat dabei nicht alleinig die Funktion der Sorgearbeit, sie sucht lediglich nach den Strategien, die kulturinteressierte Menschen brauchen, um selbst füreinander zu sorgen und vor Ort ihre Ressourcen zu teilen. Dies braucht Zeit, viel Zeit, weil die Dynamiken und die Interessen von Zusammenkünften zeitlich wie emotional nur bedingt vorhersehbar sind.

Diese Zeit werden sich die zukünftigen Episoden von Meeting Point Dramaturgy gemeinsam mit ihren Teilnehmer*innen nehmen, und sei es, um ihre bisherige Forschung über dramaturgische Praxis weiterzugeben.


Die derzeitigen Teilnehmer*innen von Meeting Point Dramaturgy sind:
Yoav Admoni, Luisa Barreto, Miriam Beike, Heike Bröckerhoff, Kristina Dreit, Mahsa Gasgari, Antonia Gersch, Lisa Homburger, Dandan Liu, Maxwell McCarthy, Anna Seenova-Ganz, Valerie Wehrens.
Kooperierende Partner sind: Niklaus Bein (K3 | Tanzplan Hamburg), André Schallenberg (HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste) und Mateusz Szymanówka (Sophiensæle Berlin).
http://meetingpoint-dramaturgy.de

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