Ausgabe März-April 2022

Austausch auf Augenhöhe

Mit explore dance widmet sich die fabrik Potsdam dem Tanz für junges Publikum.

Johanna Simon und Jeanne Chapy, die Künstlerischen Leiter:innen von explore dance an der fabrik Potsdam © Nadin Hellman © Nadin Hellman

Jährlich sechs neue Produktionen für junges Publikum ab 5 Jahren und der enge Austausch in einem Netzwerk von drei Institutionen: Das sind die Grundlagen des Projekts explore dance, in dem die fabrik Potsdam mit K3 | Tanzplan Hamburg und Fokus Tanz / Tanz und Schule e.V. München kooperiert. Welche Erfahrungen sie in knapp vier Jahren gemacht haben, erzählen die Künstlerischen Leiterinnen von explore dance in Potsdam, Jeanne Chapy und Johanna Simon.

Interview: Elena Philipp

Jeanne und Johanna, welche künstlerischen Produktionen entstehen im Rahmen von explore dance?

Jeanne Chapy: Jede Spielzeit entstehen in Potsdam, Hamburg und München je zwei Produktionen – eine Bühnenproduktion und eine Pop-up-Produktion für Klassenzimmer, Turnhallen oder den öffentlichen Raum. Vor allem unter den aktuellen Umständen ist es wichtig, zu den Kindern und Jugendlichen zu gehen. Wir sind der Überzeugung, dass es beim Tanz für junges Publikum entscheidend ist, ihn direkt zu erleben.

Aufsuchende Arbeit ist eine Prämisse. Welche Überzeugungen leiten Euch noch?

Jeanne Chapy: Wir sind überzeugt, dass Tanz für junges Publikum künstlerisch wichtig ist, auch wenn er in der deutschen Tanzlandschaft noch einen niedrigeren Stellenwert hat. Im Vergleich mit den übrigen europäischen Ländern hinkt Deutschland in der Entwicklung von Tanz für junges Publikum hinterher.

Johanna Simon: In diesem Bereich etwas künstlerisch Hochwertiges vorzustellen, setzt ein Zeichen.

Ihr beauftragt neue Stücke bei Choreograf*innen. Mit wem arbeitet Ihr zusammen?

Jeanne Chapy: Wir fragen oft Choreograf*innen an, die noch nicht für junge Zuschauer*innen gearbeitet haben – Clément Layes, Anna Konjetzky, deufert&plischke oder May Zarhy. Sie trauen sich, etwas ganz anderes zu machen, weil es nicht ihr gewohntes Publikum ist. Auch dadurch, dass der Prozess geöffnet ist und die Kinder einbezogen werden, entsteht eine ganz neue Auseinandersetzung.

Der künstlerische Prozess wird bei explore dance generell für die Teilhabe des jungen Publikums geöffnet?

Jeanne Chapy: Ja. Der künstlerische Ansatz ist: ‚Wir entwickeln das zusammen – was ist für Euch wichtig?‘ Die Künstler*innen fragen wir: Wie möchtet Ihr Euch mit den Kindern austauschen? Dafür gibt es Tools wie Interviews mit den Klassen, Workshops oder Probenbesuche.

Johanna Simon: Manche Choreograf*innen oder künstlerische Teams hospitieren in der Schule, um zu sehen, in welchem Raum sich die Kinder in ihrem Alltag bewegen. Eine Gruppe Kinder hat Lea Moros Audio Walk ausgetestet. So kann ein Austausch auf Augenhöhe stattfinden – für beide Seiten. Das ist ein wichtiger Teil der Produktionen. In diesen Räumen begegnen die Kinder Erwachsenen auf einer anderen, idealerweise gleichberechtigten Ebene. Alles, was gesagt wird, ist gleich wichtig, egal, wer es sagt.

Jeanne Chapy: Und was man sagt oder macht, wird, anders als in der Schule, nicht als richtig oder falsch bewertet.

Johanna Simon: Man merkt es oft, dass die Kinder zuschauen – und sich dann öffnen.

Habt Ihr ein Beispiel?

Johanna Simon: In Lee Méirs „von hier nach dort“ ging es um Tod und Abschied. Wir haben uns vorab gefragt: Ab welchem Alter kann man über den Tod sprechen? Wie geht man in die Gruppe hinein und knüpft ein Gespräch an? Lee Méir hat einen Parcours mit mehreren Stationen aufgebaut und die Kinder wurden gefragt: Habt Ihr Euch schon mal von etwas verabschiedet? Erst herrschte Stille, dann fing ein Kind an zu sprechen, dann das nächste. Da war alles dabei von „ich habe meine Mütze im Wald verloren“ bis hin zu „mein Freund ist umgezogen“ oder „mein Opa ist gestorben“. Und wir haben gemerkt, was das Thema alles aufmacht.

Tanz für junges Publikum setzt Expertise voraus, in Ansprache, Vermittlung, Dramaturgie. Das wird auch in Eurem Beispiel deutlich. Welche Erfahrungen hatte die fabrik Potsdam vor explore dance in diesem Arbeitsfeld?

Johanna Simon: Wir hatten einzelne Schulprojekte und immer mal Produktionen für junges Publikum im Spielplan. Mit der Bundesförderung für explore dance können wir ein kontinuierliches Programm aufbauen. Und es wurde die Struktur geschaffen, um diesen Bereich überhaupt zu entwickeln. Unsere beiden Stellen gab es vorher nicht.

Jeanne Chapy: Weil explore dance für uns ein neues Projekt ist, werden die Produktionen von Dramaturg*innen begleitet, die eine große Erfahrung mit der Arbeit für junges Publikum haben.

Johanna Simon: Wie man die Dinge angehen kann, besprechen wir auch mit unseren Partner*innen aus Hamburg und München. Da gibt es einen großen Erfahrungsaustausch in den wöchentlichen Treffen.

Was habt Ihr herausgefunden in vier Jahren explore dance?

Johanna Simon: Wir haben gelernt, dass die Kommunikation mit den Schulen viel Arbeit ist. Wie spricht man sie an, wie kommt man überhaupt in Kontakt? Das läuft über persönliche Begegnungen mit Lehrer*innen. Den Aufwand, diese Kontakte zu pflegen, darf man nicht unterschätzen.

Jeanne Chapy: Ich persönlich habe erfahren, dass man den Kindern sehr viel zutrauen kann, dass sie super an die künstlerischen Prozesse anknüpfen können und sehr offen an Tanz herangehen.

Johanna Simon: Gerade auch bei den abstrakten Themen wird schnell gesagt, ‚das können Kinder nicht verstehen‘. Mit meiner vierjährigen Tochter gehe ich ins Theater, seit sie ein halbes Jahr alt ist, und sie verknüpft schon Vieles. Da liegt ein großes Potenzial im Tanz.

Potenzial hat explore dance. Wie steht es um die Finanzierung? Die Förderung durch den TANZPAKT Stadt-Land-Bund ist zeitlich begrenzt.

Johanna Simon: Die erste Phase der TANZPAKT-Förderung endet durch die Corona-Verlängerung des Programms im Sommer 2022. Wir haben eine Anschlussförderung erhalten, für weitere eineinhalb Jahre, mit einem Fokus auf den Pop-up-Produktionen. Als vierter Partner kommt dann Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste dazu.

Jeanne Chapy: Und über das Programm Jupiter der Kulturstiftung des Bundes haben wir eine Förderung für eine große Bühnenproduktion bekommen. Das sind die Aussichten bis 2024.

Und nach 2024?

Johanna Simon: Wir sind im Gespräch mit den verschiedenen Projektpartnern und Förderern, um eine Verstetigung des Projekts zu erreichen.

explore dance #3 – Festival für Junges Publikum
20. – 26. März 2022
fabrik Potsdam
www.explore-dance.de

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