Ausgabe September/Oktober 2019

Ambivalenz der Freiheit

Über Kunstförderung und bessere Arbeitsbedingungen für Tanzschaffende wird derzeit viel diskutiert. Ein Blick auf die freie Kunstproduktion im Tanz aus Produzent*innensicht zeigt, dass in der Diskussion ebenso wie im System eine Leerstelle klafft. Wie steht es um die Unterstützung für und Förderung von Produktionsleitungen?

Björn Frers © Claudia Raupach Björn Frers © Claudia Raupach

Björn Frers
Gründer des Produktions- & PR-Büros björn & björn

Kunst entsteht durch Freiraum. Im Probenraum, der auf dem angespannten Immobilienmarkt der Ballungszentren zu verknappen droht. Im Diskursraum, in dem gesellschaftliche Prinzipien des Miteinanders hinterfragt werden können – auch hier lässt sich dieser Tage eine (politische) Bedrohung erfahren. Und in jenem Freiraum, der hier gemeint ist, im gedanklichen Freiraum, in dem sich Kreativität unabhängig von Sachzwängen und Regularien entfalten kann.

Rundum-Sorglos-Sehnsucht

Vielleicht hat es sie schon immer kaum gegeben, diese bürokratiefreie Zone in der Kunst. Mehr denn je muss sich jede*r freischaffende Künstler*in heute als versierte*r Geschäftsstrateg*in beweisen, um sich am Kunstmarkt nachhaltig zu platzieren. Wer es sich leisten kann, gibt diesen Job weitgehend an ein Management ab. Denn wer wühlt sich schon gerne durch Abrechnungskolonnen, Vertragswerke und behördliche Auflagen, wenn er*sie doch eigentlich Expert*in in einem anderen Bereich ist?

Leider kommen nur die wenigsten durch eine überjährige Förderung in den Genuss einer solchen Rundum-Sorglos-Betreuung. In der Regel hangeln sich Künstler*innen und Gruppen von einer kurzfristigen Projektförderung zur nächsten. Die notwendige Gestaltung der Projektarbeit, jegliche Administration und Organisation, die Kommunikation mit den Partner*innen und das zwischenmenschliche Orchestrieren übernehmen in dieser Zeitspanne Produktionsleitungen.

Doch was ist vor dem ersten Probentag und nach der Premiere? Stille und Leere? Natürlich nicht. Die Arbeit weit vor und weit nach dem eigentlichen Projektzeitraum, die Konzeption von Förderanträgen, das Einwerben von Koproduktionsgeldern oder gar die mit Förderrichtlinien konforme Abrechnung des Projektes, die mitunter erst nach etlichen Prüfungen zwei Jahre nach der Premiere zu einem finalen Abschluss kommt, all das und einiges mehr leisten die Produktionsleitungen. Im gemeinschaftlichen Einvernehmen. Um der Sache willen. Ohne Entgelt. Denn all diese zum Projekt gehörende Arbeit kann mit dem Honorar nicht abgegolten werden, da sie außerhalb des Förderzeitraums liegt.

Damit nicht genug. Denn wo Geld fließt, muss Wachstum folgen. Das ist in der Kunst nicht anders als in der Wirtschaft. Meint: Mit jedem neuen Projektantrag soll nicht nur eine Weiterentwicklung der künstlerischen Arbeit, sondern auch die gewachsene Bedeutung im Marktkontext erkennbar sein. Immer lauter wird im Verlaufe einer Karriere der Ruf von Künstler*innen und Förderinstitutionen nach mehr Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit, etwa in Form von Gastspielen rund um den Erdball, oder nach der Konsolidierung der Stellung am Kunstmarkt, idealerweise in der Pole Position.

Gleichstellung aller Arbeitsbereiche

Dieser Ruf lässt die oben aufgezeigte Leerstelle im System noch deutlicher sichtbar werden: Kunstmarketing als pro bono-Aktivität zusätzlich zur ohnehin bereits unentgeltlich geleisteten Mehrarbeit – notwendige, aber wenig sichtbare Arbeit, da sie weitab vom Rampenlicht geschieht.

Wenn dieser Tage nach Verbesserungsmöglichkeiten in der Kunstförderung, nach Missständen und Potentialen der Kunstproduktion gesucht wird, stehen Aspekte wie die Erschließung von Räumen, die gerechtere Honorierung der Künstler*innen, ein Haus für den Tanz oder die Erschließung von Freiräumen durch Residenzprogramme im Vordergrund. Vollkommen zu Recht.

Der hier aufgezeigte Aspekt trägt jedoch nicht minder zur Stärkung künstlerischer Arbeit bei und verweist zugleich auf einen arbeitsethischen Missstand. Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit sind notwendige und richtige Schlagworte unserer Zeit, wie sie allerdings auch zwingend für das Feld der Kunstproduktion einzufordern sind, insbesondere für weniger sichtbare Arbeitsbereiche.

Europäische Vorbilder

Zu einer ähnlichen Zustandsbeschreibung im Feld des freien Produzierens kommen Schweizer Kolleg*innen nach einem Workshop im Performing Arts Manager Programm des Tanznetzwerks Reso. Abhilfe, so die Schlussfolgerung, würden nur eine mehrjährige Förderung von etablierten Produktionsbüros sowie anerkannte Gagenrichtlinien für die Produktion und Distribution leisten. Europäische Nachbarstaaten sind Deutschland da einen Schritt – oder zumindest einen halben – voraus.

In Belgien können sich Produktionsbüros und -plattformen bereits jetzt um eine strukturelle Förderung bewerben, die die Tätigkeiten für einen Künstler*innenpool über mehrere Jahre hinweg ermöglicht. Dadurch werden stabile Arbeitsbeziehungen geschaffen, können Netzwerke aufgebaut und Kooperationen nachhaltig gepflegt werden, dadurch kann die Arbeit von Produktionsleiter*innen angemessener vergütet werden. Sicherlich besteht auch hier noch Optimierungsbedarf, wie eine belgische Kollegin anmerkte. Aber einen gewissen Freiraum abseits der Sachzwänge und Dienst an der Kunst bietet eine solche Förderung sicherlich – und sie ist ein eindeutiges Signal, Freiräume für die Kunst auch als Freiraum für die Kunstproduktion zu verstehen.

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