edition November/December 2019

Eine Welt von Imaginationen, Atmosphären und Gefühlen

Spartenübergreifend, partizipativ, altersoffen, kiezverbunden, inklusiv: Das FELD Theater für junges Publikum feiert einjähriges Gründungsjubiläum.

Die FELDs: Gabi dan Droste, Martin Nachbar und Susanne Beyer © Dino Spiri

Am Winterfeldtplatz in Schöneberg ist seit einem Jahr ein neues Theater am Start: das FELD Theater für junges Publikum. Schwerpunkt ist die zeitgenössische Performance, über alle Sparten und Altersgruppen hinweg. Begonnen hat das Vorhaben überstürzt: Im Juni 2018 rief der Berliner Senat zu Bewerbungen für die Nachfolge des Puppentheaters Hans Wurst Nachfahren auf. Dessen Betreiber*innen gingen in den Ruhestand – wohl nicht ganz freiwillig, hatten sie doch einige Jahre gegen eine Kündigung durch den Eigentümer gekämpft. Im Mai 2018 spielte das Puppentheater die letzte Vorstellung, im Oktober wurde das neue Team benannt, und bereits im Dezember 2018 startete das FELD-Programm. Ein Planungsvorlauf von einem Jahr ist für eine neue Intendanz meist Minimum. Gerade mal acht Wochen hatten die FELDs: Gabi dan Droste, Kinder- und Jugentheatermacherin, Martin Nachbar, Choreograf und Tänzer, sowie die Produktionsleiterin Susanne Beyer. Mittlerweile hatten mit den generationsübergreifenden FELDspielen das erste Festival und mit Franziska Henschels "Mitgefühl Und Ohne" die erste Eigenproduktion Premiere. Wie haben sich die FELDs eingefunden in ihrem Kiez und in dem ihnen (vorerst bis 2020) zugefallenen Theater? tanzraumberlin hat nachgefragt.

Elena Philipp

Erzählt doch kurz Euren Gründungsmythos. Wie kam das FELD zur Welt?

Martin Nachbar: 2016 haben Gabi und ich in Hannover ein Stück gemacht, "Ich bin’s, deine Schwestern", und auf den Zugfahrten haben wir rumgesponnen, wie toll es wäre, zeitgenössische Performance für junges Publikum zu zeigen. Anfangs haben wir über das Knüpfen von Netzwerken nachgedacht und Anträge für Konferenzen gestellt.

Gabi dan Droste: Dann kam der Call vom Senat für das Theater am Winterfeldtplatz, Susanne Beyer brachte die Idee ein und wir hatten schon viel Material. Einen eigenen Ort zu bespielen war nochmal was anderes. Hier gab es schon eine Tradition, mit der wir umgehen mussten. Fürs Konzept habe ich dann zum Beispiel einen Spielplan entwickelt.

Ihr habt ja sehr kurzfristig erfahren, dass Ihr das Theater am Winterfeldtplatz übernehmen sollt.

Martin Nachbar: Ja, ich erzähle mal die Anekdote. Susanne, Du hast den Anruf gekriegt, dass wir zum Senat kommen sollen. (Nicken) Wir dachten, sie wollen noch etwas zum Konzept wissen, bevor sie sich endgültig entscheiden, und sie haben auch nicht gesagt: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben den Zuschlag bekommen, sondern die Senatsmitarbeiter*innen meinten: Wir wollen Sie sensibilisieren für die Puppentheaterszene, die ist gerade sehr empfindlich, weil sie das Haus gern als Figurentheater erhalten möchte, und es gibt eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt als Theaterhaus eingesetzt hat. Wir haben zwischen den Zeilen herausgehört, dass wir die Zusage erhalten haben.

Wie seid Ihr mit dieser Kurzfristigkeit umgegangen?

Martin Nachbar: Für den Senat war das eine Ad-hoc-Situation, in der sie schnell reagieren mussten. Eigentlich sollten wir im September 2018 anfangen, aber wir sagten, vor Dezember können wir nicht starten. Das war eh verrückt, weil wir parallel zum laufenden Betrieb das Konzept weiterentwickelt haben. Mittlerweile sind wir an dem Punkt, wo alles klarer ist – wo aber auch klar ist, es braucht mehr Personal, um das Konzept umzusetzen, das vom Senat ausgesucht wurde.

Gabi dan Droste: Der zugehörige Finanzplan wurde nicht mit ausgewählt, nur das Konzept.

Das heißt, Ihr bekommt weniger Mittel als Ihr veranschlagt habt?

Susanne Beyer: Beantragt hatten wir 220.000 Euro. Bekommen haben wir das, was für die Hans Wurst Nachfahren im Haushalt eingeplant war, 153.000 Euro pro Jahr. Durch Projektmittel konnten wir das erhöhen, auf ungefähr 210.000 Euro – wir haben wahnsinnig viele Anträge geschrieben in der Anfangszeit. Dazu haben wir noch Gelder für Umbauten bekommen und müssen keine Miete zahlen.

Gabi dan Droste: In Berlin gibt es derzeit eine große Diskussion zur Finanzierung von Kinder- und Jugendtheater. Eine Evaluation hat dieses Jahr ergeben, dass die Sparte unter den Standards der OECD produziert. Wir sind im prekären Bereich des prekären Bereichs tätig, eine Katastrophe. Das ist im Tanz ja auch bekannt.

Susanne Beyer: Unsere Förderung ist im Vergleich zu anderen Kinder- und Jugendtheatern wie dem Theater o.N. sogar noch etwas höher. Aber dazu kommt, dass im Kinder- und Jugendtheater latente Diskriminierungen existieren – etliche Dinge, von denen man im Erwachsenenbereich profitiert, sind nicht zugänglich, etwa die Videomitschnitte von Tanzforum Berlin. Dort bekomme ich gesagt: Kindertheater-Aufführungen können sie bei der geringen Anzahl von Aufführungen, die sie filmen dürfen, nicht mit reinnehmen. Der Grundkonflikt im Kinder- und Jugendtheater ist, dass man weniger einnehmen kann, weil man per se eine geringere Zuschauerkapazität hat und weil die Menschen weniger zahlen. Dafür kriegt man eine geringere Förderung.

Gabi dan Droste: Aber es ist gut, dass der Senat diese Büchse der Pandora öffnet und durch die Evaluation das Defizit benennt – und dass unser Haus überhaupt erhalten wurde als Kinder- und Jugendtheater. Es gibt schon den Versuch, mehr Bewegung reinzubringen.

Vom Rahmen Eurer Arbeit zu den Inhalten: Was ist künstlerisch der Kern Eures Konzepts?

Gabi dan Droste: Zentral ist für uns, Künstler*innen zusammenzubringen, die mit Lust quer denken und ihre Arbeit öffnen, also nicht nur 20- bis 40-Jährige, die für 20- bis 40-Jährige produzieren. Das Generationenübergreifende war ein Kerngedanke. Partizipation ist bei uns von Anfang an mitgedacht, so wie die Vernetzung. Wenn Ingrid, eine Mitarbeiterin des Senior*innenheims ums Eck, die alten Tischdecken meiner Mutter toll findet, die ich für unsere Eröffnung mitgebracht habe – dann ist das ein erstes Erfolgserlebnis. Nicht mit einer Produktion, aber auch Community-Work ist Teil unseres Konzeptes.

Martin Nachbar: Ästhetisch haben wir ein Interesse an offenen Formen, weil auch Kinder und Jugendliche in einer offenen Form leben, sich ständig verändern, und an synästhetischen Erlebnissen, die nicht trennen zwischen Sehen, Hören, Spüren, Fühlen, wie das bei Kindern ja auch häufig der Fall ist. Das sind die Grundpfeiler der Ästhetik, und daraus ergibt sich, wie neulich bei den FELDspielen, alles andere: partizipative Projekte und Bühnenperformances, Workshops, die Verknüpfung von Nachbarschaft und Berliner Szene, Gastspiele, in dem Fall aus Österreich und Belgien.

Wie ist Euer Grundgefühl nach einem Jahr: Steht das Projekt auf wackeligen Füßen oder fliegt Ihr stabil?

Gabi dan Droste: Der Flug wird stabiler. Zu Anfang waren das vorsichtige Schritte den vielen Erwartungen gegenüber. Wir haben die Bürgerinitiative kennengelernt, die sich für den Erhalt des Puppentheaters eingesetzt hatte – vier Menschen, einige waren in den 70ern in der Hausbesetzerszene unterwegs. Sie unterstützen uns total, einer hängt immer Plakate auf. Langsam bauen wir ein Netzwerk an Schulen auf. Mit der Spreewaldschule nebenan führen wir ein Färberpflanzenprojekt durch, mit der St. Franziskus-Grundschule hinter der Kirche am Winterfeldtplatz ein Kinderrechteprojekt. Wir kooperieren auch mit den Kulturagenten, zum Thema Streitkultur. Der Begriff von Alle oder Viele ist dabei zentral, für mich geht es auch gar nicht anders: Wir können nicht sagen, wir machen ein Stück für diese Kinder, aber nicht für jene. Das hat etwas mit einem humanistischen Menschenbild zu tun und ist für mich auch politisch.

Wie sehen die Schulprojekte konkret aus?

Susanne Beyer: Das ist in Entwicklung, aber es gibt in den fünf Schulen fünf Schwerpunkte. In der Fritz-Karsen-Schule ist es eine Genderthematik, sie hatten Probleme mit Mobbing von Jugendlichen, die sich geoutet oder anders angezogen haben.

Gabi dan Droste: Dort arbeitet die Choreografin Roni Katz mit einer 12. Klasse. Sie haben festgestellt, dass Siebtklässler das größte Problem haben, sich in der Nähe eines Menschen aufzuhalten, der sich anders outet. Die 12. Klasse macht also ein Projekt mit der 7. Klasse. Zweites Ergebnis war, dass auch die Lehrer*innen ein großes Problem haben. Deshalb macht die 12. Klasse zusätzlich ein Projekt mit Lehrer*innen. Und dann können sie alle hierher kommen, um Martins Stück "My Funny Valentine" anzusehen, da geht es auch um die Genderthematik. So kommt das wieder zusammen: Wir forschen und praktizieren ästhetisch mit einer tollen feministischen Künstlerin, und laden dann die Schüler*innen ein, hierher zu kommen und sich etwas anzuschauen. Das ist die Kombination von Partizipation und Kunstgenießen.

Martin Nachbar: Politisch haben wir das Gefühl, ein Ort wie das FELD ist gerade gewollt. Und in der Freien Szene wächst die Lust, andere Publika zu erreichen. Als ich vor zwanzig Jahre als Choreograf angefangen habe, schwappte die Idee des Community Work aus England herüber, dort mussten geförderte Tanzkompanien immer auch Vermittlungsprojekte finanzieren. Einige hier fanden, das störe die reine Kunst. Derzeit aber sind die Anliegen andere und die Fragen dringlich: Wie wollen wir zusammenleben, als Menschen, aber auch auf der Erde, in verschiedenen Systemen? Da geht es per se darum, sich zu verknüpfen, und nicht nur mit Seinesgleichen zusammen zu arbeiten.

Mit wem verknüpft Ihr Euch, über den Kiez und die Schulen hinaus?

Martin Nachbar: Es laufen Projekte und Anträge mit der schon genannten Choreografin Roni Katz, mit dem Kollektiv Berlocken oder dem Musikensemble Die Ordnung der Dinge. Wir sind in der Stadt und bundesweit vernetzt: Die Schaubude hat unsere Bühne angemietet für das Festival Theater der Dinge, und Tanzfuchs Produktionen in Köln oder das Kinder- und Jugendtheater Schnawwl in Mannheim haben Interesse, mit uns zu kooperieren.

Martin hat es ja schon angesprochen: Vorbehalte gegenüber Vermittlung gibt es nach wie vor. Wie steht Ihr dazu?

Gabi dan Droste: Diese Frage, wo bleibt die Kunst, ist immer so – huh. Was nützt es dem Tanz, wenn keine Zuschauer*innen kommen? Und künstlerische Qualität muss ja sein, es ist nur die Frage, welche Definition habe ich davon. Für mich können auch Community-Projekte künstlerisch sein.

Martin Nachbar: Ein Glücksfall dafür, wie Vermittlungsarbeit auch künstlerisch innovativ sein kann, ist "Invited" von Seppe Baeyens und Ultima Vez. Die altersoffene Mitmach-Choreografie war bei den FELDspielen zu Gast. Seppe gibt einmal wöchentlich in seinem Brüsseler Studio offene Tanzklassen. Der alte Mann im Stück ist Metzger, ein Nachbar, den Seppe gefragt hat, ob er mitmachen möchte. Wenn man vor Ort regelmäßig etwas anbietet, ergibt sich eine Verstetigung – das geht mit allen möglichen Leuten, sie müssen keine ausgebildeten Tänzer*innen sein.

Gabi dan Droste: Sieht man die gemeinsam im Kreis rennenden Menschen in "Invited", begreift man: Seppe Baeyens hat eine künstlerische Sprache gefunden, die davon inspiriert ist, dass er mit unterschiedlichen Menschen gearbeitet hat, jung, alt, Tänzer*innen, Laien mit Behinderung und ohne. Es gab eine Beschränkung in den Bewegungen, bestimmte Körperlichkeiten, und das zum Schillern zu bringen, ist die Herausforderung. Wo bleibt die Kunst? Das ist die Kunst: Wenn ich Widerstände habe und mit diesen Widerständen eine künstlerische Sprache entwickle. Für mich ist das auch der Link zu unserer Produktion "Mitgefühl Und Ohne", die sich an Hörende und Gehörlose richtet. Wie kann ich Kommunikation herstellen? Thema in Franziska Henschels Stückentwicklung sind Gefühle und ihre Übersetzung in Spürsinn: den Tastsinn, Körperemotionalität, Gebärden, Musik und Tanz. Die Kinder im Publikum dürfen ihre Hand in Fühlboxen stecken und sollen beschreiben, was sie ertasten. Dann bekommen sie Rückfragen – ist es ein Nebengefühl oder ein Hauptgefühl, rot oder blau? – und dann übersetzen die Künstler*innen das "blaue pieksige Nachgefühl" in ihre Sprachen: Lea Martini in Tanz, Dennis Deter in Objekttheater, Boris Hauf in Musik und Camilla Vetters in Gebärdensprache. Das ist eine Herausforderung. Und ich glaube, dass Kunst sich dadurch entwickelt. Kunst kann sich durchaus in einem abgeschlossenen Raum entwickeln, ja, aber es gibt eben auch die Möglichkeit, rauszugehen – und dann passiert ganz viel.

Martin Nachbar: "Invited" kommt aus Brüssel. Belgien ist im Theater- und Performancebereich einen Schritt voraus, da gibt es eine ganz andere Beweglichkeit. Ich fand es total aussagekräftig, dass beim Festival "Was der Körper erinnert" an der Akademie der Künste zum Auftakt auch eine belgische Gruppe gezeigt wurde, Rosas mit Anne Teresa De Keersmaekers "Fase". In Belgien wird etwas verhandelt, was in Deutschland so nicht verhandelt wird, auch im partizipativen Bereich. Was Seppe Baeyens macht, ist so in Belgien möglich, nicht Deutschland. Wenn jemand eine Idee hat, wird nicht erst gefragt: Wozu ist das gut? Was soll das bringen? Was willst Du damit sagen? Diese Fragen stünden in Deutschland im Vordergrund. In Belgien, wo ich länger gearbeitet habe, ist es eher so: Das willst Du machen, ah, lass mal gucken. Und wenn es gut ist, wird das auch sichtbar gemacht.

Gabi dan Droste: Die Belgier sind auch im Kinder- und Jugendtheater zwei Schritte voraus. Ich bin ein großer Flandern-Fan, die machen richtige Kunst für Kinder, das hat eine Tiefe und Schönheit… Ganz habe ich das Geheimnis noch nicht ganz ergründet, aber ich habe ein paar Ideen, warum das so ist. Kinder werden in der belgischen Gesellschaft ganz anders angesehen: Man muss sie nicht so viel unterrichten und lehren, sie werden als vollwertiges Wesen mit eigenen Rechten anerkannt. Es ist sogar gesetzlich verankert, dass ein Kind über seinen Freitod entscheiden kann, wenn es sterbenskrank ist. Bei uns würde man noch nicht einmal drüber nachdenken.

Susanne Beyer: Bei uns darf das noch nicht mal ein Erwachsener.

Martin Nachbar: Dort sind wirklich andere Sachen am Start. In Antwerpen koordiniere ich nächstes Jahr einen Master-Studiengang, den Kolleg*innen von mir konzipiert haben. Da geht es von vornherein um das Andocken an die Gesellschaft, die Arbeit an unterschiedlichen Publika. Als Anne Teresa De Keersmaeker 2013 "Rosas danst Rosas" online veröffentlichte, war sie für belgische Verhältnisse spät dran. Negativ könnte man sagen: das Video ist Werbung für Rosas – aber es wird eine Choreografie zu Verfügung gestellt, damit Menschen tanzen können. Und mit welcher Lust Leute weltweit das Material filmen und online stellen… Bis Sasha Waltz ihre eigene Arbeit für Partizipation öffnet, dauert es bestimmt noch zehn Jahre.

Gabi dan Droste: Wir könnten mal jemanden aus Flandern einladen. Da ist noch viel zu holen, unter dem Aspekt des altersoffenen Arbeitens. Auch in Berlin ist eine Bewegung unterwegs, mit den Tanzkomplizen und PURPLE, vielleicht fünfzehn Jahren verspätet, aber immerhin – und das muss man einfach stärken. Es gibt so viel Potenzial, gerade im Tanzbereich, junge Leute, die etwas machen wollen… Aber der Kenntnisstand über zeitgenössischen Tanz ist außerhalb der Szene leider sehr gering.

Susanne Beyer: Im Unterschied zu Belgien, da hat der Tanz schon lange einen ganz anderen Stellenwert.

Martin Nachbar: Das hat auch geschichtliche Gründe, die Flamen haben keinen Goethe und keinen Schiller, kein Sprechtheater. Als Flandern sich in den 80ern und 90ern als Entität entdeckt hat, kamen die Tänzer*innen und Choreograf*innen der Politik auch zupass. Anne Teresa De Keersmaeker war eine Trademark. Ich habe mit Jochen Sandig gechattet, dem Manager von Sasha Waltz & Guests als klar war, dass Sasha Waltz ans Staatsballett Berlin geht. Hey, super, herzlichen Glückwunsch, habe ich geschrieben, Ihr habt ja noch das Geld für Sasha Waltz & Guests, da könntet Ihr jetzt eine Kompanie gründen, für die Ihr Gastchoreograf*innen einladet, aus Berlin zum Beispiel. Nee, hat er geantwortet, das Geld ist fürs Repertoire von Sasha Waltz & Guests. Klar, er muss Sasha Waltz und die Kompanie schützen, das ist seine Aufgabe. Aber sein Impuls ist nicht: interessante Idee, lass’ mal treffen – so würde Wim Vandekeybus von Ultima Vez reagieren, den ich ja auch kenne. Dass die Absage vorangestellt wird, bevor man Dinge in Bewegung bringt, finde ich ehrlich gesagt: deutsch.

Einige Fragen hinsichtlich von Verteilung und Zusammenarbeiten müssen offenbar noch geklärt werden. Weil Du vorhin PURPLE erwähnt hast, Gabi: Wie steht Ihr denn zur Offensive Tanz für junges Publikum Berlin, dem Zusammenschluss von PURPLE, dem Internationalen Tanzfestivals für junges Publikum, sowie den Tanzkomplizen, Theater Strahl und Theater o.N.? Gibt’s da eher Konkurrenz oder Kooperation?

Gabi dan Droste: Als deren Projektantrag beim Tanzpakt Stadt-Land-Bund gestellt wurde, gab es uns noch gar nicht. Ich finde das großartig und habe eher das Gefühl: Lasst uns doch zusammen etwas in Bewegung bringen und dann gucken wir mal, was passiert.

Martin Nachbar: Die Treffen haben schon stattgefunden, mit Tanzkomplizen oder auch mit dem Tanztreffen der Jugend.

Gabi dan Droste: Was wir machen, ist ja auch nicht reiner Tanz, sondern hat mehr mit Performance zu tun, daher denke ich, dass wir uns gegenseitig eher bereichern. Auf kulturpolitischer Ebene werden wir vielleicht noch etwas zu knacken haben, um klar zu machen, wie viel Potenzial da drin steckt. Ich glaube, in Berlin gibt es wirklich einen Riesenbedarf an Kunst für junges Publikum.

Gabi, ganz persönlich gefragt, woher kommt Dein Einsatz für diese Kunstform?

Gabi dan Droste: Da könnte ich jetzt drei Stunden lang erzählen. Ich fand immer die offenen Erzählweisen toll, richtig gute Inszenierungen im Kindertheater spielen nicht mit der Vierten Wand, sondern mit den Zuschauenden. Als ich beim Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland gearbeitet habe, habe ich ein Projekt für ganz junge Kinder auf die Beine gestellt. Anfangs war ich skeptisch, als Künstler*innen für Kinder ab einem Alter von neun Monaten gespielt haben. Aber dann habe ich gesehen, wie die Körper der Kinder reagiert haben: Da war ein Kind, das hat die ganze Zeit seinen Bauch rausgestreckt, das hat sich gefreut, der ganze Körper war eine einzige Freude. Das finde ich schön, da passiert was, das ist lebendig. Ein Einschnitt in meinem Leben war auch, dass ich länger in Südafrika gearbeitet habe. Wir sind in Kitas gegangen, zu Kindern, die mit Theater noch nie in Berührung gekommen sind und die zuhause auch keine Zuwendung erleben. In Südafrika habe ich die Notwendigkeit dieser Arbeit für mich nochmal anders entdeckt. Kunst für Kinder hat dort auch einen so hohen Stellenwert, weil sie in eine ganz andere Welt trägt – eine Welt von Imaginationen, von Atmosphären, von Gefühlen. Zurück in Berlin, in diesem Überfluss, habe ich dann entschieden, Brennpunktarbeit zu machen – und habe gemerkt, dass das dort auch passieren kann.

Einen Kunstort aufzubauen und zu etablieren, erfordert Zeit. Euer Vertrag läuft vorerst bis 2020. Wie geht es danach weiter mit dem FELD?

Susanne Beyer: Für den Haushalt 2020/21 hätten wir im Januar unseren Basisförderantrag abgeben müssen – aber wir waren gerade erst gestartet und noch nicht so weit.

Martin Nachbar: Noch ist kulturpolitisch unklar, aus welchem Posten das FELD finanziert werden soll. Basisförderung, Haushaltsposten, laufendes Budget?

Susanne Beyer: Senatsseitig gibt es eine Zusage, dass wir auch 2020 und 2021 wieder das erhalten, was für die Hans Wurst Nachfahren im Haushalt eingestellt war. 2020, nach dem Ende unseres derzeitigen Vertrages, durchlaufen wir eine Evaluation. Was 2022 ist, werden wir sehen…

Dann Toitoitoi und Danke fürs Gespräch.

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