edition November/December 2019

Bionischer Bau für Fragen zur Zukunft

Tanz soll ein zentraler Teil und Ort der (Stadt-)Gesellschaft werden: Ihre Ideen für ein Vermittlungszentrum stellt Sonja Augart vor.

Der Glasschwamm © Friederike Schwalbe

Wo und wie können sich Tanzszene und Stadtgesellschaft begegnen, um ins Gespräch zu kommen – über drängende Zukunfts- fragen ebenso wie über einzelne Kunstwerke oder choreografische Ansätze? Sonja Augart schwebt ein eigenständiges Zentrum für Vermittlung vor – ein Vorschlag, der in der AG Vermittlung des Runden Tisches Tanz, an der sie beteiligt war, rege diskutiert wurde. Integrieren ließe sich dieses Vermittlungszentrum, für das Sonja Augart ein Vorbild aus der Natur im Kopf hat, auch in ein neu zu schaffendes Haus für Tanz und Choreografie. Eine Vision, über die zu diskutieren wäre – wie sie in Bauform aussehen könnte, zeigt die Architektin Friederike Schwalbe in ihren Entwürfen.

Künstlerin, Dramaturgin, Kuratorin und Feldenkrais Practitioner: Sonja Augart

Intervenieren, zustande bringen, herbeiführen, sorgen für, verständlich machen, mitteilen, zeigen, bewirken, verursachen, verhelfen, transportieren, übertragen, weitergeben, kommunizieren: alle diese Tätigkeiten (und noch viele mehr) umfasst der Begriff "vermitteln". Eine solche Liste macht schnell deutlich, dass Vermittlungsarbeit weit mehr bedeutet, als dem Publikum künstlerische Ansätze und Methoden näher zu bringen. Vermittlung ist auch und vor allem ein Austausch und eine Reibung, zwischen dem Kunstwerk, den Künstler*innen und den Zuschauer*innen als Teil der (Stadt-) Gesellschaft. Wäre hierfür eine Institution denkbar? Meine Vision ist ein Vermittlungszentrum, das man sich als einen "durchlässigen Ort des Verweilens" vorstellen kann.

Vision: Nachhaltige Vernetzung
Hauptaufgabe dieses zu schaffenden Berliner Ortes wäre es, die Vernetzung zwischen der Kunstform Tanz und der Stadtgesellschaft nachhaltig zu entwickeln und zu erforschen. Von niedrigschwelligen bis hin zu anspruchsvollen Angeboten soll die Vielschichtigkeit des Tanzfeldes sichtbar gemacht und Zugänglichkeit geschaffen werden.
Wie sieht es bisher in Berlin aus mit Vermittlungsorten? Die bestehenden (Infra-)Strukturen im Bereich Tanz in Berlin sind in erster Linie mit dem Präsentieren, Produzieren, Ausbilden und Archivieren beschäftigt. Spielstätten vermitteln also anlassgebunden ihre eigenen Programme.
Deshalb braucht es einen eigenständigen Ort, der nicht einer künstlerischen und kuratorischen Setzung unterworfen ist, wenn er auch mit allen anderen Einrichtungen verbunden sein soll. Die vielfältige (Tanz-)Szene muss ihre übergreifenden Themen in die (Stadt-)Gesellschaft hineintragen können, und diese (Stadt-)Gesellschaft sollte einen wechselseitigen Dialog gerne und ohne Schwellenängste annehmen können, mit dem einfachen Ziel der "Horizonterweiterung".
Im Tanz verkörpert sich die Erzählung unseres menschlichen Seins auf dieser Welt. Unser Körper und unsere Psyche sind Jahrtausende alte biologische und ökologische Systeme, mit denen sich die Kunstform Tanz tiefgehend auseinandersetzt. Zusammensein, Kommunikation, Kooperation, Austausch sind zentrale Begriffe der sich im Umbruch befindenden heutigen Gesellschaft. Die Beschäftigung mit Tanz und Choreografie ermöglicht es dem zuschauenden und teilhabenden Menschen, auf die Suche zu gehen nach der Verbindung zwischen den "alten" Systemen und den Herausforderungen der zukünftigen Zeit. So gelingt es, Multiperspektiven einzunehmen und im tanzenden Miteinander Vertrauen entstehen zu lassen.
Ich beziehe mich an dieser Stelle auf die Resonanztheorie des Soziologen und Politikwissenschaftlers Hartmut Rosa: Die Entwicklung bzw. das menschliche Lernen setzen voraus, dass wir eine Resonanzbeziehung eingehen, das heißt, einen dialogischen Wechselwirkungsprozess zwischen Subjekt und Welt. Diese Auseinandersetzung mit unserer Umgebung ist ergebnisoffen und dient nicht einer Optimierung des Selbst.

Modell einer Institution: Haus Bastian
Im Bereich Bildende Kunst ist kürzlich ein modellhafter Ort der Vermittlung eröffnet worden, der als Vorbild für den Tanz dienen könnte: das Haus Bastian, direkt an der Museumsinsel gelegen, getragen von den Staatlichen Museen zu Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Diese neue Einrichtung ist zentral verortet, architektonisch markant, ein eigenständiges Gebäude, das auch unabhängig von den Öffnungszeiten der Museen agieren wird. Dieses Haus befindet sich noch im Anfangsstadium, vieles ist noch in Entwicklung. Doch einige Ansätze können von Interesse sein für die Vorgehensweise eines Vermittlungszentrums für den Tanz.
Wie werden zum Beispiel Themenschwerpunkte gesetzt, die die einzelnen Häuser und Museen verbinden? Wie fördert Kunst(-vermittlung) die politische Bildung bzw. welchen Einfluss hat die Auseinandersetzung mit Kunst auf die politische Meinungsbildung? Im Haus Bastian sollen diese Fragestellungen erstmals eingehend erforscht werden, unter dem Programmpunkt "Politische Bildung in Museen" werden Arbeitskreise für Expert*innen, Projekttage für Schüler*innen und Fortbildungen für Multiplikator*innen angeboten. Eine zentrale Frage neben der Kunst- und Kulturvermittlung ist: Was kann die Auseinandersetzung mit kunst- und kulturgeschichtlichen Objekten in Museen zur politischen Bildung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsen beitragen? Ziel des Haus Bastian ist es, ein interdisziplinäres Netzwerk aufzubauen, um eine Agenda für die Etablierung politischer Bildung im musealen Kontext zu erarbeiten.

Vorbild aus der Natur: der Glasschwamm
Zurück zum Tanz. Neben einer modellhaften Institution wie dem Haus Bastian habe ich ein weiteres mögliches Vorbild für das Tanzvermittlungszentrum vor Augen – ein Vorbild aus der Natur. Lassen wir uns einen Moment entführen und stellen wir uns das Vermittlungszentrum als einen Glasschwamm vor. Was sehen wir dann und was bedeutet das? Der Glasschwamm (Hexactinellida) lebt in der Meerestiefe und hat eine extrem stabile und zugleich geschmeidige Konstruktion. Sein poröser morphologischer Aufbau aus Glasfasern schafft die Voraussetzung dafür, dass Wasser und Tiere ungehindert hinein- und hinausfließen. Das feine Netz der Fasern wirkt optisch zerbrechlich und transparent, geht in seiner Umgebung fast auf, und doch ist es eine der stabilsten organischen Konstruktionen, die auf der Erde zu finden ist. Für unzählige Meeresbewohner ist der Glasschwamm Schutzraum, Speisekammer und Heimat.
Nachhaltigkeit, Durchlässigkeit, Beziehungsfähigkeit, Entwicklung und Wissenstransfer sind Kernbegriffe des Vermittlungszentrums. Der Glasschwamm mit seinen Eigenschaften kann wie bei der Bionik die Grundlage sein, um das Zentrum konzeptionell und architektonisch zu entwickeln. Ein Tanzvermittlungszentrum als Glasschwamm, in den Menschen hinein- und aus ihm hinausfließen. Jede*r einzelne kann sich in Beziehung dazu setzen, teilhaben und daran mitwirken. Dieses Haus soll ein Haus für das (zukünftige) Publikum sein. Es strahlt eine Großzügigkeit aus und ist ein Freiraum, um sich mit Tanz körperlich und geistig auseinanderzusetzen.
Drei Ebenen ohne Hierarchie
In diesem Haus befinden sich drei Ebenen, die horizontal, das heißt: nicht hierachisch, strukturiert sind.

Die erste Ebene: Ankunft
Im Bereich Ankunft treffen alle neugierigen "Entdeckenden" aufeinander. Auf den ersten Blick erschließt sich nicht, wo Innen und Außen ist. Die Übergänge sind fließend, ein offener Raum für den temporären Aufenthalt. Hier befindet sich der Zugang zur Bibliothek und hier wird Vermittlungsarbeit archiviert. Diskussionen zu gesellschaftlich relevanten Themen und kurzfristiger Austausch entstehen hier ungezwungen.

Zweite Ebene: Verweilen
Dieser Bereich ist die aktivere und verbindlichere Ebene. Hier finden ausgewählte Projekte und Programme für Laien und Professionelle statt. Ein Ort der Weiterbildung und des Wissenstransfers für Vermittler*innen, Künstler*innen und Tanzorganisationen sowie für Expert*innen aus relevanten Fachbereichen. Das Laboratorium für die Forschung der Vermittlungsarbeit befindet sich ebenfalls in diesem Bereich. Auf dieser zweiten Ebene vernetzt sich das Zentrum mit der Stadtgesellschaft, und hier wird die Verortung mit den unterschiedlichen bereits bestehenden (Vermittlungs-)Organisationen und Communities des Tanzes vorbereitet und angegangen.

Dritte Ebene: Aussicht
Sie ist die Organisations- und Kommunikationsebene. Hier werden die Projekte verwaltet, in ihrer Produktion unterstützt und nach Außen kommuniziert.

Wie kann die Vision zur Realität werden? Wie im Abschlussbericht des Runden Tisches Tanz herausgearbeitet wurde, sollte die konzeptionelle Ausarbeitung und Entwicklung des Tanzvermittlungszentrums in den nächsten zwei Jahren in einem partizipativen Prozess mit der Berliner Tanzszene und fachfremden Expert*innen angegangen werden. Hierfür werden Klausuren geplant, in denen die Themenschwerpunkte für die ersten vier Jahre aufgestellt, Forschungsvorhaben formuliert und Kooperationen ausgelotet werden. Zusätzlich zu den laufenden Kosten verfügt das Zentrum über einen eigenständigen Topf von Geldern, die für Forschung und Projekte für zwei bis vier Jahre vergeben werden.
Die Entwicklung des Vermittlungszentrums Tanz gründet auf Eigenständigkeit, trotzdem ist es in diesem Zusammenhang wichtig, dass eine Zusammenarbeit mit dem zukünftigen Haus für Tanz und Choreografie untersucht und im dialogischen Prozess angegangen wird.
Es braucht einen Ort, an dem die (Stadt-)Gesellschaft auf unkonventionelle Weise die Frage verhandelt, in welch einer Zukunft wir leben wollen. Die Kunstform Tanz – davon bin ich überzeugt – wird mit dem Vermittlungszentrum hier entscheidende Beiträge leisten können.

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