edition May/June 2019

Stärkt Strukturen

Interview mit Michael Freundt vom Dachverband Tanz Deutschland zum Förderprogramm Tanzpakt Stadt – Land – Bund

Michael Freundt © Eva Raduenzel

Gemeinsam von Städten, Ländern und dem Bund finanziert, startete 2017 das Tanzpakt-Programm. Im förderalen Deutschland mit der Kulturhoheit der Länder ist dieses Konstrukt ungewöhnlich. Vorbereitet wurde es drei Jahre lang von einer Initiativgruppe – Dachverband Tanz, Diehl+Ritter gUG, K3 Hamburg, Tanzbüro Berlin, Tanzszene Baden-Württemberg –, in Gesprächen mit Kulturämtern und Länderministerien und abgestimmt mit dem Bund, insbesondere der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters. Im Bundeshaushalt 2017 wurden dann die Mittel freigegeben. Zwei Förderrunden gab es bislang: Für jeweils drei Jahre werden insgesamt 15 Künstler*innen und Ensembles „mit internationaler Ausstrahlung“ gefördert beziehungsweise Institutionen, die „national herausragende und innovative Entwicklungskonzepte für den Tanz“ umsetzen, wie es in der Ausschreibung hieß. Das Programm könnte 2021 auslaufen. Mit Michael Freundt, dem Geschäftsführer des Dachverband Tanz Deutschland, hat tanzraumberlin über die bisherigen Erfahrungen mit dem Tanzpakt-Programm gesprochen.

Interview: Elena Philipp
Eva Radünzel

Michael Freundt, worin liegt der Modellcharakter des Förderprogramms Tanzpakt Stadt – Land – Bund?

Tanzpakt fördert nicht einzelne Projekte, sondern strukturelle Vorhaben über mehrere Jahre, die Künstler*innen oder Produktionsstrukturen langfristig stärken. Wichtig ist auch, dass bei den Antragstellungen die Akteur*innen aus der Tanzszene in Austausch mit den öffentlichen Förderern in Städten und Ländern stehen. Die Anträge entstehen im engen Dialog.

Die Finanzierung ist etwas Besonderes, nicht wahr?

Ja, Tanzpakt steht für ein Modell der gemeinsamen Förderung von Städten, Ländern und Bund. Wenn im Koalitionsvertrag der Bundesregierung steht: „Im Sinne des kooperativen Kulturföderalismus stimmen wir die Kulturförderung des Bundes verstärkt mit den Ländern ab“, dann wird genau dies mit Tanzpakt schon erfolgreich umgesetzt. Tanzpakt ist zudem ein Schritt hin zu einer systematischen Förderung des Bundes für die Kunstform Tanz, ein Baustein in einem Gesamtkonzept, das auch Gastspiel- und Koproduktionsförderung, Tanzwissen und Tanzerbe sowie die regionalen Netzwerke für den Tanz im Blick hat.

Warum der Fokus auf die Exzellenzförderung?

Wir, das sind der Dachverband Tanz Deutschland und der Träger des Förderfonds, Diehl+Ritter, sprechen ja genauer von einer „Förderung zur Exzellenz“ oder der „Exzellenz auf allen Ebenen“. Dabei geht es eben weniger darum, die üblichen „Exzellenzverdächtigen“ zu prämieren, sondern in großen wie in kleinen Tanzstädten und in bereits entwickelten wie noch zu entwickelnden Strukturen modellhafte Projekte zu fördern, die bundesweit auf die Tanzszene ausstrahlen. Mit dieser bundesweiten Bedeutung werden die Bundesmittel eingesetzt.

Wie sind die Erfahrungen aus den Projekten nach dem ersten Jahr Laufzeit von Tanzpakt vor Ort?

Es ist spannend zu sehen, wie sich mit Tanzpakt die Tanzszene vor Ort entwickelt, größere Sichtbarkeit entfaltet und sich bewusster vernetzt. So ist zum Beispiel das Tanznetz Freiburg entstanden, das den zentralen Tanzort, das E-Werk, mit der wichtigsten Ausbildungsinstitution, bewegungs-art freiburg, der freien Tanzszene und dem Kulturamt verbindet. EinTanzHaus in Mannheim setzt ein geballtes Tanzprogramm um. Mit Vorpommern tanzt an entstehen in Mecklenburg-Vorpommern Residenzen, Klassenzimmerstücke und eine Ansprechstelle für den Tanz, vergleichbar einem Tanzbüro. In Berlin hat Making A Difference ein einmaliges Netzwerk von Berliner Spielstätten und Ausbildungsinstitutionen geschaffen und forscht zu inklusiven Arbeits- und Lehrmethoden. Sie alle haben drei Jahre Zeit, ihre Vorhaben umzusetzen, und gehen das mit entsprechend langfristigen Strategien an. Das wird von der Tanzszene und der Politik vor Ort sehr stark wahrgenommen.

Rund 10 Millionen Euro über vier Jahre sind ein erfreulicher Förderbetrag, aber absolut gesehen nicht sehr viel. Allein das Staatsballett Berlin erhielt im Jahr 2018 rund 8,6 Millionen Euro an Landeszuschüssen.

Tanzpakt ist ein erster Impuls. Und die 5,6 Millionen Euro Bundesförderung, die im Programm stecken, zeigen noch einmal, wo der Schwerpunkt der Kulturförderung liegt: bei Ländern und Kommunen. Tatsächlich konnte die Jury in den beiden Runden nur etwa ein Drittel der besten Anträge fördern. Das Potential, das im Tanzbereich zu entwickeln wäre, ist weitaus größer. Aber diesen Bedarf auch politisch zu kommunizieren, die Partner Städte, Länder und Bund zueinander zu bringen, das ist unsere Aufgabe.

Nach der zweiten Runde, deren Geförderte im März dieses Jahres bekannt gegeben worden sind, läuft das Programm eigentlich aus. Wie stehen die Chancen, Tanzpakt über 2021 hinaus zu verlängern und die Stadt-Land-Bund-getragene Förderung zu verstetigen? Wann wird darüber entschieden und wer entscheidet?

Die Länder und Kommunen zeigen uns einen hohen Bedarf zur Fortsetzung von Tanzpakt an. Und ich glaube, dass wir und die Kolleginnen von Diehl+Ritter diesen Bedarf auch an den Bund vermitteln können. Das wird die Aufgabe in diesem Jahr sein, die Kulturstaatsministerin von der exzellenten Wirkung ihrer Exzellenzförderung zu überzeugen. Am Ende des Jahres wissen wir, ob wir schon erfolgreich sind. Wenn ja, könnte bereits im nächsten Jahr eine neue Förderrunde ausgeschrieben werden.

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