edition May/June 2019

Kennt (k)ein Alter

Ist der frühe Karriereschluss im Tanz ein Mythos oder für ältere Tänzer*innen eine harte Realität?

"FindeOrte", Jutta Hell & Dieter Baumann © Gerhard F. Ludwig.

Im Film oder auf dem Theater spielen Ältere ganz selbstverständlich eine Rolle. Im Tanz ist das nicht der Fall: In dieser Sparte ist mit 40 Jahren Schluss. Oder? Schließlich gibt es Projekte wie das _Dance On-Ensemble_ für ältere Tänzer*innen oder auch das Berliner Programm Making A Difference, das sich für vielfältigere Körper im zeitgenössischen Tanz einsetzt. Und in etlichen Kompanien – in Berlin laborgras und die Tanzcompagnie Rubato, Sasha Waltz & Guests oder die cie. toula limnaios – treten Tänzer*innen unterschiedlicher Altersstufen gemeinsam auf. Was denn nun: Stimmt das Klischee des frühen Karriereknicks noch immer? Oder wird heute getanzt bis ins höchste Alter? Katharina Deparade hat sich für tanzraumberlin umgehört.

Text: Katharina Deparade
Kulturjournalistin

Renate Graziadei tanzt einen Tango. In „Er… Sie… und andere Geschichten“ performt sie zusammen mit ihrem Tanzpartner Sergey Zhukov 13 kurze Choreografien. Wie Songs aus einem Album. In der intimen Atmosphäre des Studios von laborgras am Berliner Paul-Lincke-Ufer schweben sie mit leidenschaftlicher Exzentrik übers Parkett. Das um sie auf dem Boden sitzende Publikum muss sich vor herumschleudernden Beinen in Acht nehmen. Doch etwas ist anders bei diesem Tango. Renate Graziadei ist 49. Ihr Partner vielleicht Mitte 20. Die beiden funktionieren gut zusammen, doch Zhukov wirkt fast jugendlich gegen ihre charakterstarken Züge. Sähe man dieses Paar außerhalb des künstlerischen Rahmens, würde sich so mancher vielleicht wundern, warum dieser junge Mann mit der älteren Frau tanzt. laborgras lassen mit diesem Stück eine Reibung entstehen, die auf Berliner Bühnen selten zu sehen ist.
Ist das Alter noch immer ein gesellschaftliches Stigma, das gerade Tänzer*innen in ihrer Karriere zu spüren bekommen? Ab 40 ist in den meisten Kompanien Schluss. Ist Tanz eine Kunstform, in der das Alter zum Ausschlusskriterium wird? Schauspieler*innen, Musiker*innen, sogar Popstars werden noch im hohen Alter auf der Bühne bejubelt, dürfen gar auf ihr sterben. Das sind Akzeptanzformen, die es im Tanz nicht zu geben scheint.

Umschulen oder dualer Lebensweg
„Im Großen und Ganzen hat sich in den letzten 20 Jahren daran nicht viel geändert“, meint Sabrina Sadowska von der Stiftung TANZ – Transition Zentrum Deutschland. Die Stiftung betreut Tänzer*innen, die sich aufgrund ihres Alter beruflich neu orientieren. Konkrete Zahlen zu Tanz und Alter oder überhaupt zum Tanz liegen nicht vor, entsprechende Statistiken hat noch niemand erhoben. Nach Sadows­kas Angaben gibt es rund 4.000 aktive Tänzer*innen in Deutschland. Nicht alle davon können den klassischen Weg wählen und Choreograf*in werden. „Ein Großteil der Menschen, die sich bei uns melden, studiert“, erklärt Sabrina Sadowska. Das gehe in alle Richtungen, von IT und Physik bis hin zu Kulturwissenschaften. „Viele gehen auch in Gesundheitsberufe, werden Physio- oder Ergotherapeuten.“
Dabei sei allerdings ein Unterschied zwischen zeitgenössischen und klassischen Balletttänzern feststellbar. Zeitgenössische Tänzer*innen, die frei arbeiten und sich von Projekt zu Projekt hangeln, gingen in der Regel schon viel früher den dualen Lebensweg mit einem zweiten festen Standbein, so die Aussage der Stiftung. „Früher gab es ein Drittel mehr feste Arbeitsplätze an den Theatern und somit auch mehr Möglichkeiten, Tänzer*innen länger zu beschäftigen. Heute haben wir weniger Arbeitsplätze, dafür ist die freie Szene deutlich gewachsen. Somit gleicht sich das aus. Man kann nicht sagen, dass die Menschen heute länger tanzen als früher oder umgekehrt.“

Nur Können oder Nicht-Können
„Ich habe mir heute beim Joggen eine Stunde was zum Thema Tanz und Alter überlegt“, sagt Arthur Stäldi von laborgras, choreografischer Partner von Renate Graziadei, „und bin zu dem Schluss gekommen, dass zeitgenössischer Tanz überhaupt kein Alter hat.“ Arthur Stäldi zählt seine Geburtstage jetzt rückwärts, er feiert immer den letztjährigen Geburtstag. Nach seiner Rechnung wäre er dann 58 Jahre alt. Nach der allgemeinen Zeitrechnung ist er heute 70. „Ich sehe kein Alter auf der Bühne, ich sehe nur ein Können oder ein Nicht-Können. Handlungen, die durchlässig sind, wahrhaftig und wahrnehmbar. Da gibt es junge wie alte Menschen, die das können oder eben nicht.“
Stäldi kommt eigentlich aus dem klassischen Ballett, wo er sich mit idealen und vorgeformten Bewegungen konfrontiert sah. Zusammen mit Renate Graziadei ging er nach New York, um sich mit zeitgenössischen Techniken auseinanderzusetzen. „Das sind organische Techniken, die körperfreundlich sind, keinem Ideal nachgehen, wo es nicht mehr darauf ankommt, wie perfekt gestreckt das Bein ist. In jedem Alter kann man zum Beispiel ein space hold.“ Er bringt Daumen und Zeigefinger zusammen, hält die Hand in der Luft und bewegt langsam seinen Kopf zu dem von ihm fixierten Punkt, dann entfernt er sich wieder. „Da braucht man keine große Beweglichkeit, sondern ein Verständnis von Raum und Körper.“

Änderung vom Publikum ersehnt
Prinzipiell würde Ty Boomershine dieser Aussage zustimmen. Doch funktioniere der zeitgenössische Tanz im Alter nur, wenn man wie laborgras an eigenen Projekten arbeite. „Die meisten Tänzer*innen werden ab 38 die Erfahrung machen, auf Open Auditions schief angeschaut zu werden“, erklärt Boomershine. Er habe das selbst erlebt. Für diejenigen, die in festen Kompanien tätig sind, stehe ab diesem Alter ein Gespräch mit dem Direktorat an, mit dem Ergebnis einer Kündigung oder einer Aufforderung zum Gehen. „Die meisten Menschen, die weiter tanzen, arbeiten in ihren 40ern mit Choreografen, die sie bereits in ihren 20ern getroffen haben“, erklärt Boomershine. „Aber wenn du Lust auf etwas Neues hast, wird dies sehr schwer zu finden sein.“
Ty Boomershine ist der neue künstlerische Direktor der 2. Edition von DanceOn. Das Ensemble, das ausschließlich aus Performer*innen ab einem Alter von 40 Jahren besteht, startet mit Tanz im August 2019 in die zweite Runde. Sieben (ältere) Tänzer*innen werden in der Volksbühne ein Cunningham-Stück zeigen, dass seit 1964 nicht mehr aufgeführt wurde. Boomershine war bereits in der 1. Edition als Tänzer dabei und glaubt fest an das Projekt. Immer wieder vergleicht er Tanz mit Sport. „Es gibt so viele Fortschritte in der Wissenschaft und im Gesundheitssektor. Wir werden älter, wir leben länger und wir leben besser. Ich möchte gerne, dass sich in der Tanzszene etwas ändert. Vielleicht erleben wir noch den Tag, an dem so etwas wie ­DanceOn nicht mehr existieren muss, an dem Alter keine Grenze mehr aufgrund einer Zahl darstellt.“ Das Publikum, so sagt er, sei bei Tanzaufführungen durchschnittlich in einem Alter zwischen 40 und 60 und sehe auf der Bühne Menschen zwischen 18 und 30. „Was ich als Publikumsreaktion erfahren habe, ist, dass sie sich stärker zu uns in Beziehung setzten können. Sie sehen nicht ihre Kinder auf der Bühne, sie sehen sich selbst.“

Bewegungsvokabular für jede Generation
Leanore Ickstadt, die Gründerin der TanzTangente, stand Anfang des Jahres sogar noch mit 80 Jahren auf der Bühne. In „timeline“ einer Produktion von Nadja Raszewski, begegneten sich sechs Tänzer*innen verschiedener Generationen im Alter von 18 bis 80. „Nadja war eine Schülerin von mir, ich kenne sie seit 40 Jahren. Sie fragte mich: Traust du dich noch auf die Bühne? Und ich sagte, ja, wenn ihr nicht zu viel von mir verlangt. Wenn man einmal professionell ist, möchte man auch professionell bleiben und in meinem Alter ist das Bewegungsvokalbular einfach weniger geworden. It was a fine line and Nadja did it very well. In „timeline“ erhielt jede Generation das Vokabular, das sie brauchte, um sich darzustellen, in berührender und inspirierender Weise.
Ickstadt sagte auch zu, weil sie die Produzentin kannte und ihr vertraute. Sie glaubt nicht daran, dass ein*e Choreograf*in nur Wert auf ihre Ausstrahlung als ältere Tänzerin legt. „Zeitgenössisch bedeutet zeitlich. Und ich komme aus einer anderen Zeit.“ Sie kritisiert die kapitalistischen Aspekte der Tanzszene, die für sie auch Grund waren, die TanzTangente zu verkaufen und mit 64 Jahren in den Ruhestand zu gehen. „Für mich ist Choreografieren so ähnlich wie einen Film zu machen: Du brauchst Geld, du brauchst Leute, du brauchst Technik, und das alles immer zusammenzuscharren, die Energie hatte ich einfach irgendwann nicht mehr. Tanz heißt auch Karten verkaufen. Es war einfach dieser Stress, das anzubieten, was das Publikum anlockt – und wer will eine alte Frau tanzen sehen?“

Traum von der altersgemischten Kompanie
Eben gegen dieses Stigma vorzugehen und die Sehgewohnheiten des Publikums zu ändern, das haben sich auch Dieter Baumann (65) und Jutta Hell (63) von der _Tanzcompagnie Rubato_ vorgenommen. Ähnlich wie laborgras sehen sie gerade im zeitgenössischen Tanz eine Chance für ältere Tänzer. Die Gesetzmäßigkeiten von Leistungen sind hier andere. „Es ist auch ein Ziel von uns, dieses Paradigma, Tanz sei nur etwas für junge Menschen, zu brechen“, erklärt Baumann. „Im Schauspiel würde sich auch niemand wundern, warum ein 75-Jähriger mitspielt.“ Sie selbst stehen beide noch auf der Bühne und setzen sich immer wieder mit ihrem eigenen Körper auseinander, auch wenn Alter als Thema selbst nie im Vordergrund steht. 2015 brachten sie das Duett „Aus dem Archiv“ heraus, in dem sie aus alten Stücken neue Szenen zusammenstellten. „Das älteste Material stammte von 1998. Damit behandelten wir im Kern die Frage, ob man noch etwas tanzen kann, was man damals entwickelt hat, und das hat sehr eindrücklich funktioniert“, erklärt Hell. Anarchischer seien sie damals mit sich umgegangen, selbstverständlicher als heute.
Mit jüngeren Tänzer*innen zusammen auf der Bühne sieht sich Baumann einer „Körperkonkurrenz“ ausgesetzt, die er gut findet. „Das löst schon Ehrgeiz aus. In Kompanien, in denen alle das selbe Alter haben, passiert das nicht“, erklärt er. Er kritisiert die Homogenität der Kompanien. Das ­DanceOn-Modell sei ein hehrer Ansatz, doch schlussendlich immer noch segregativ. Eine Kompanie für Ältere. „Ich finde, was uns in Berlin und generell fehlt, ist eine gemischte Gruppe aller Altersklassen. So eine Gruppe würden wir gern aufbauen, in der 30-Jährige mit über 50-Jährigen Stücke entwickeln. Es ist doch Teil unserer Gesellschaft, dass es jüngere und ältere Menschen gibt. Warum dann nicht auf der Bühne?“

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