edition January-February 2021

Die wollen unbedingt spielen!

PURPLE, Berlins Internationales Tanzfestival für junges Publikum, feiert sein fünfjähriges Jubiläum – später als geplant.

Krump ist Aufbegehren gegen Ungleichheit und Plädoyer für ein menschliches Miteinander. „A Human Race“ des französischen Krump-Tänzers Grishka Caruge, eine Kooperation mit den TANZKOMPLIZEN, wird beim Internationalen Tanzfestival für junges Publikum PURPLE gezeigt werden. Foto: René Löffler

Text: Sandra Luzina
Kulturjournalistin

Zwischen Hoffen und Bangen – so beschreibt Canan Erek Ende November 2020 ihren Gemütszustand. Die Berliner Tänzerin und Choreografin hat vor fünf Jahren das internationale Festival PURPLE ins Leben gerufen, das es sich zum Ziel gesetzt hat, ein junges Publikum an den zeitgenössischen Tanz heranzuführen. Die Jubiläumsausgabe sollte eigentlich groß gefeiert werden. „Wir sitzen in den Startlöchern: Alles ist vorbereitet“, sagte Canan Erek schon beim Gespräch eineinhalb Monate vor dem ursprünglich geplanten Festivalstart. Doch dann kam erst der Teil-Lockdown, daraufhin die erneute Schließung aller Kulturstätten – und die Gewissheit, dass das Festival nicht wie geplant im Januar 2021 stattfinden kann.

Von der Infektionslage wird es abhängen, wann die Berliner Bühnen wieder öffnen dürfen. Immerhin hat Kultursenator Klaus Lederer angekündigt: Kinder und Jugendliche sollen als erste wieder ein Theater oder eine Kultureinrichtung besuchen dürfen. ­PURPLE ist in den März verlegt, in der festen Hoffnung auf ein Abklingen der Pandemie und die Möglichkeit, das kulturelle Leben wieder aufzunehmen.

Hygienegerechte Vor-Ort-Lösung

Als Canan Erek sich an die Planung von PURPLE machte, war schon klar, dass es weiterhin Reisebeschränkungen geben würde. Sie hat sich deswegen vor allem in der Berliner Tanzszene nach Choreograf*innen umgeschaut und konnte mit dem HAU Hebbel am Ufer, der Jugendtheaterwerkstatt Spandau und dem Theater an der Parkaue auch neue Kooperationspartner gewinnen. Für jede Produktion ist ein durchdachtes Hygienekonzept entwickelt worden, ausgerichtet an den Vorschriften, die im vergangenen September und Oktober für Spielstätten galten.

Eröffnet werden soll das Festival nach wie vor mit der spanischen Produktion „Pink Unicorns“. In dem ebenso kraftvollen wie lustigen Stück tritt ­Alexis Fernández zusammen mit seinem Sohn Paulo auf. Um die Beziehung zwischen Vater und Sohn mit all ihren Höhen und Tiefen geht es auch in „Pink Unicorns“. Da Alexis und Paulo Fernández in einem Haushalt leben, kann das schon 2019 uraufgeführte Stück auch unter Corona-Bedingungen gezeigt werden.

Die anderen zu PURPLE eingeladenen Produktionen wurden vor kurzem erarbeitet oder sind bei Fertigstellung dieser Magazin-Ausgabe Mitte Dezember 2020 im Entstehen begriffen. Die Choreograf*innen haben es sich zur Aufgabe gemacht, kreativ mit den Abstands- und Hygienegeboten umzugehen.

Colette Sadler entführt ihr junges Publikum in „Strange Garden“ in einen seltsamen Garten, in dem Alltagsgegenstände zum Leben erwachen. Die Tänzer*innen bewegen sich die ganze Zeit unter einer Plane; sie tragen gewissermaßen eine Ganzkörpermaske.
Anna Konjetzky verbindet in „In welchem Wort versteckt sich die Welt“ Bewegung, Live-Zeichnung, Video und Sprache. Die unterschiedlichen Medien treten in Kontakt, auch wenn die Tänzerin und der Schauspieler auf den nötigen Abstand achten. Ob dieser ausreichend ist, muss das Festival vor der Aufführung zusammen mit einer Betriebsärztin entscheiden.

Die TANZKOMPLIZEN wiederum kooperieren für ihre Premiere „A Human Race“ mit dem französischen Krump-Tänzer Grishka Caruge. Der roh-energetische Tanzstil Krump ist auf der einen Seite ein Aufbegehren gegen Ungleichheit und Rassismus, auf der anderen Seite ein Plädoyer für ein menschliches Miteinander. Weil an der Produktion etliche Tänzer*innen beteiligt sind, wollen die TANZKOMPLIZEN mit Schnelltests arbeiten – während der Proben und vor den Aufführungen.

Jochen Roller hat gemeinsam mit Canan Erek „Autoplay“ entwickelt, eine Choreografie, die man sich über Kopfhörer anhören kann. Die Zuschauer*innen werden hier selbst zu Akteur*innen.

Nadja Raszewski hat sich für „Der große Knall“ von einem Kinderbuch über die Entstehung der Welt inspirieren lassen und beschäftigt sich mit dem Zustand unseres blauen Planeten. Die vier Tänzer*innen, mit denen sie probt, leben in zwei WGs zusammen, sie bilden sogenannte „Infektionsgemeinschaften“. Wenn mit Nähe gearbeitet wird, dann innerhalb der Paare, die zusammenleben. Mitunter verwendet die Choreografin auch Objekte, mit denen die Tänzer*innen auf organisch wirkende Weise auf Abstand gehalten werden können.

Varianten erdenken

Flexibel und umsichtig auf die je aktuellen Verordnungen reagieren muss auch Canan Erek. Mit ihrem Team hat sie schon verschiedene Corona-konforme Varianten des Festivals durchgespielt. Denkbar sei es, Vorstellungen nur für eine, maximal zwei Schulklassen zu spielen. Wenn die Schüler*innen einer Klasse ohnehin jeden Tag zusammensäßen, könnten sie auch im Theater zusammenhocken, ohne den gebotenen Abstand von 1,5 Metern einhalten zu müssen. Auch zu Abstrichen wäre Canan Erek bereit. Und zur Not könnte auf die Abend- und Wochenend-Vorstellungen verzichtet werden.

Eine rein digitale Version des Festivals hingegen kommt für Canan Erek nicht in Frage. Die Kinder und Jugendlichen säßen zur Zeit schon zu lange vor dem Bildschirm, findet sie. Vorstellen kann sie sich mittlerweile aber einen Kompromiss: die von einer einzigen Schulklasse besuchten Tanzperformance live zu streamen und danach für eine Woche online zugänglich zu machen. Prinzipiell aber bleibt Erek bei ihrer Ansicht, dass Kinder und Jugendliche den Tanz sinnlich erleben sollen und nicht nur über den Screen.
„Alles ist vorbereitet“: Nun müssen nur die Covid-Zahlen die Frühjahrsversion des Internationalen Tanzfestivals für junges Publikum erlauben.

PURPLE – Internationales Tanzfestival für junges Publikum
20. – 28. März 2021
Uferstudios, HAU Hebbel am Ufer u.a.
www.purple-tanzfestival.de

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