House for Dance and Choreography

Haus für Tanz und Choreografie Einblick

Ein eigenes Haus

In Berlin gibt es bislang keinen Ort, der ausschließlich Tanz produziert und präsentiert und der einem Stadttheater vergleichbar finanziell ausgestattet wäre.

Die gesamte Sparte Tanz mit allen Orten, Ensembles und Akteur*innen erhielt bislang mit 15,3 Mio. Euro pro Jahr (Haushalt 2015-2017) – 7,2 Mio. Euro gingen davon allein an das Staatsballett – gerade einmal so viel wie ein einzelnes privates Sprechtheater, die Schaubühne.

Die freie Tanzszene in Berlin ist auch in dem Sinne frei, dass sie nahezu unabhängig von gut subventionierten Tanzorten existiert. Zwar wird in spartenübergreifenden Häusern, wie dem landeseigenen HAU Hebbel am Ufer, den privaten Sophiensælen (4-jährige Konzeptförderung) und anderen nur teilgeförderten Spielstätten Tanz präsentiert und auch produziert. Jedoch besteht nur knapp 30% des regulären Spielplans des HAU aus Tanzproduktionen (ohne das Festival Tanz im August), während die Sophiensæle immerhin seit einigen Jahren mehr als 60 % Tanz zeigen. Von den größeren Häusern wie HAU oder radialsystem abgesehen, haben die meisten  deutlich geringere Sitzplatzkapazitäten für bis zu 100, einige wenige für bis zu 220 Zuschauer*innen.

Mit anderen Worten: Tanz findet aktuell dezentral und zu einem erheblichen Teil an  räumlich, technisch und finanziell prekär ausgestatteten Tanzorten statt.

Ein finanziell abgesicherter Produktions- und Präsentationsort für Tanz und Choreografie, der in Ergänzung der einmalig diversen dezentralen Berliner Landschaft die enorme Produktivität des Tanzs bündelt und seinen Output für ein breites Publikum erlebbar macht, ist seit Jahrzehnten ein Desiderat für viele Tanzinteressierten. Im Rahmen des Runden Tisch Tanz (RTT) wurde daher wiederholt und sehr konkret über die Einrichtung eines eigenen Hauses für Tanz und Choreografie diskutiert. Neben den beiden Hauptempfehlungen des RTT für mehr Kontinuität künstlerischen Arbeitens und der Stärkung der dezentralen Infrastruktur, ist das langfristige Projekt eines zentralen Hauses, dessen Realisierung bis 2025 geplant ist, die dritte und auch die umfassendste Empfehlung. Dafür wurden im Haushalt 2020/2021 in einem ersten Schritt Mittel für eine zweijährige Konzeptionsphase bewilligt.

Das Hauptziel einer solchen Institution ist, die vielfältigen ästhetischen Konzepte und Orte miteinander zu vernetzen, Tanz als eigenständige Kunstform sichtbarer zu machen und seine Bedeutung innerhalb der zeitgenössischen Kunst zu stärken. Denn die unmittelbare Körperlichkeit von Tanz unterscheidet ihn von anderen darstellenden Künsten dadurch, dass er auf eine Vermittlung über Sprache nicht angewiesen ist. Tanz inszeniert gesellschaftliche Konflikte als körperlich aufführbare und als verkörperte Konflikte. Und kann dadurch umso intensiver einen Einspruch gegen unsere durchökonomisierte Gesellschaft demonstrieren und eine Alternative zum neoliberalen Ideal der (körperlichen) Selbstoptimierung als unbegrenzte Selbstausbeutung bieten.

Nicht zuletzt würde ein Tanzhaus Berlins Status, ein Ort des experimentellen Tanzes zu sein, stärken und ein institutionelles Defizit ausgleichen, das Berlin bisher von anderen Bundesländern und europäischen Großstädten unterscheidet: NRW hat mit dem Tanzhaus NRW, dem PACT Zollverein sowie dem geplanten Pina Bausch Zentrum gleich drei Tanzhäuser; in Wien gibt es das Tanzquartier, in Stockholm das Dansens Hus, in London Sadlers Wells und The Place, in Kopenhagen die Dansehallerne, usw. 

Ein zentrales Haus für Tanz und Choreografie in Berlin würde es ermöglichen, größere Produktionen von Berliner Choreograf*innen zu produzieren und zu präsentieren und internationale Gastspiele mit einer großen Besetzung zu zeigen. Ein großer flexibler Bühnenraum mit einer Kapazität von ca. 600 Sitzplätzen wird dementsprechend auch zu dem zukünftigen Haus gehören.

Das Haus für Tanz und Choreografie wird Proben, Produktion, Präsentation und Partizipation unter einem Dach gleichberechtigt vereinigen. Ein eigener Produktionsetat wird künstlerische Arbeiten sowohl von Berliner als auch internationalen Choreograf*innen ermöglichen. Das Tanz∆rchiv und das Tanzvermittlungszentrum werden hier ihren Platz finden, ebenso wie Arbeits- und/oder Studioresidenzen sowie betreute Rechercheresidenzen.

Es wird Räume geben, in denen sich internationale und Berliner Tanzschaffende, Künstler*innen, Zuschauer*innen und Tanzinteressierte aus allen künstlerischen, wissenschaftlichen und sozialen Bereichen austauschen können. Diversität und Inklusivität sollen nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf struktureller, personeller und räumlicher Ebene verwirklicht werden. Für alle sichtbar, begehbar und praktizierbar würde ein Haus für Tanz und Choreografie die Verflochtenheit von Tanz mit der internationalen Szene ebenso wie mit der Stadtgesellschaft verkörpern.

Dementsprechend und im Gegensatz zu den herkömmlichen Intendanzmodellen mit einer Einzelfigur an der Spitze wird eine horizontale Leitungsstruktur angestrebt, die die Interessen der Künstler*innen, Zuschauer*innen gleichermaßen vertritt. Möglich wären hier z. B. ein die kollektive Leitung unterstützender Künstler*innenbeirat, ein Publikumsbeirat oder Formen der Selbstorganisation von Künstler*innen, die durch regelmäßige Selbstevaluierung begleitet werden.

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