Tanzarchiv

Tanzarchiv Einblick

Das Berliner Tanz∆rchiv als Archiv in Bewegung

Die Geschichte des Tanzes in Berlin ist nicht zu trennen von seinen gesellschaftspolitischen Verflechtungen. Aber bis heute gibt es keine Institution für den Bereich Tanz, die die weit verstreuten privaten und die öffentlich zugänglichen Quellen sichert, sammelt und unter den sich ständig verändernden aktuellen Fragestellungen ordnet, interpretiert und einer Öffentlichkeit von Tanzinteressierten zugänglich macht.

Zeitzeug*innen, die aus den frühen Jahren berichten können, werden weniger, private Archive sind gefährdet, Bestände in öffentlichen Einrichtungen oft schwer zugänglich. In der Freien Szene sind Mittel zur Archivierung so gut wie gar nicht vorhanden. Insbesondere im Tanz erproben Künstler*innen zugleich ganz eigene Wege, Arbeitsprozesse zu dokumentieren. Sie experimentieren mit Formen der künstlerischen Forschung, setzen sich mit dem Tanzerbe, den eigenen und fremden Körpererfahrungen sowie Praktiken des gemeinsamen und individuellen Erinnerns auseinander. Auch diese künstlerischen Strategien der Weitergabe von Wissen im Tanz gilt es aufzubewahren und sichtbar zu machen. Die Berliner Tanzszene braucht ihre eigene Geschichtsschreibung, die sich formal, inhaltlich und strukturell von anderen Formen der Historiografie unterscheidet, um ihrem Gegenstand, dem Tanz, gerecht zu werden und seine Anerkennung als eigenständige Kunstform zu stärken. Das Berliner Tanz∆rchiv wird deshalb als eine Gedächtnis-, Erinnerungs- und Forschungsinstitution konzipiert, das sich neben der Archivierung auch dem verkörperten Bewegungswissen und der besonderen Prozess- und Ereignishaftigkeit von Tanz zuwendet. Das Berliner Tanz∆rchiv soll ein physischer Raum der Aufbewahrung, aber vor allem ein Ort des lebendigen Wissensaustausches, der politischen, ästhetischen, tanzpraktischen sowie tanzwissenschaftlichen Auseinandersetzung werden.

Für den Aufbau des Tanzarchivs in Berlin hat der Berliner Senat, der Empfehlung des Runden Tisch Tanz folgend, der Vorbereitungsgruppe für die Konzeptionsphase im Jahr 2020 23.250 € und für 2021 21.250 € zur Verfügung gestellt. Die Trägerschaft für diese Phase übernimmt der Zeitgenössischen Tanz Berlin e.V. in Kooperation mit dem Tanzbüro Berlin.

Das in einem Bewerbungsverfahren ausgewählte Team bestehend aus Claudia Feest (Vorstand Dachverband Tanz Deutschland e.V. / DTD), Claudia Henne (Berliner Tanzkritikerin, Tanzpublizistin), Alexandra Hennig (Tanzjournalistin, Theater- und Tanzwissenschaftlerin, Dramaturgin), Christine Henniger (Projektleitung Deutsches Zentrum des Internationalen Theaterinstitut/ITI, Leitung Mediathek für Tanz und Theater Berlin) und Doris Kolde (Produktionsleitung Tanzforum Berlin / TFB) hat im Oktober 2020 seine Arbeit begonnen. Für die erste Phase des Projekts haben sie sich vier wichtige konzeptionelle Aufgaben vorgenommen:

1. Exemplarische Bestandsaufnahme/-analyse: Interviews mit 17 Institutionen und Spielorten sowie mit 17 Choreograf*innen und Ensembles, die auf der Erstauswertung eines Fragebogens aufbauen, dienen als Basis für die exemplarische Analyse, wo Bestände zum Tanz in Berlin vorhanden sind und in welchem Zustand sie vorliegen. Darüber hinaus spielen in den Interviews auch Fragen zum Wissen des Tanzes, wie zu Formen der Dokumentation und des Archivierens eine Rolle. Die bisher sehr positive Resonanz auf die Anfrage zeigt, wie groß das Interesse an Dokumentation und Archivierung ist. Ende Februar soll ein Zwischenbericht dazu veröffentlicht werden.

2. Künstler*innenumfrage: Bis zum 15. Januar 2021 wird mit einer Online-Künstler*innenumfrage ein kollektives Brainstorming durchgeführt, das nicht nur nach Erfahrungen der Selbstarchivierung und der individuellen Auseinandersetzung mit Archivmaterial, sondern auch nach Formen des eigenen und fremden Körperwissens und nach Aneignungsstrategien für ein zukünftiges Tanzarchiv in Berlin fragt. Gemeinsam mit der Tanzszene sollen Utopien für ein Tanzarchiv in Berlin getestet und konzeptuelle Vorschläge gesammelt werden. Die Umfrage wird Anfang 2021 ausgewertet. Sie soll einen umfangreichen Input für das weitere Vorgehen liefern.

3. Künstlerische Perspektive: Wichtig für die Konzeption und Einrichtung des Archivs ist die ständige Orientierung an künstlerischen Praktiken und die Betonung eines lebendigen Tanzarchivs. Die Tänzer*innen und Choreograf*innen Nitsan Margaliot und Sasha Portyannikova setzen sich in ihrer künstlerischen Praxis schon länger mit den Themen Tanzerbe, Archiv und Kanon auseinander. In ihrem Projekt „Touching Margins Project“ sammeln sie diverse und marginalisierte Geschichten und Archive des Tanzes, die sich außerhalb eines eurozentristischen Narratives befinden und werden diese online ab Februar 2021 zugänglich machen.

4. Digitale und analoge Zugänglichkeit: Nicht zuletzt geht es um die praktische Umsetzung des Archivs. Hier sollen Strategien der digitalen und analogen Zugänglichkeit gefunden, technische und juristische Aspekte einer Archivierung von Tanz bedacht und Verbindungen mit vorhandenen Archiven wie z.B. dem Landesarchiv Berlin und anderen Gedächtnisinstitutionen, die bereits Bestände im Bereich Tanz bewahren, hergestellt werden. Das digitale Archiv ist wesentlicher Anknüpfungspunkt für die vielen verschiedenen Orte und Arbeitsformen des Tanzes. Erkundet werden sollen neue Formen des Digitalen, die sowohl die notwendigen Parameter der Zugänglichkeit von Daten und Informationen zu den Beständen des Tanzes erfüllen, als auch das Andere des Tanzes im Körperwissen und Bewegungsgedächtnis berücksichtigen. Ein Archiv neuen Typs, wie er für den Tanz in Berlin gedacht und geschaffen werden soll, wird daher die analoge und digitale Entwicklung synchron und verflochten bedenken.

In diesem Zusammenhang wird am 29.01.2021 ein erster Workshop stattfinden, um mit Prof. Bernhard Thull, informationswissenschaftlicher Entwickler des digitalen Pina-Bausch-Archivs, sowie Prof. Florian Jenett und David Rittershaus, beide vom Projekt Motionbank, die digitalen Voraussetzungen für das Tanzarchiv Berlin zu thematisieren.

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