Aktuelles aus Berlin

TanzAgenda2024

Veröffentlicht am 4. Juni 2024 von Netzwerk TanzRaumBerlin, Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V. und Tanzbüro Berlin

Tanz verbindet. Tanz emanzipiert. Tanz begeistert.

Tanz bewegt nicht nur die Kunst, sondern auch die Gesellschaft. Tanz belebt und gestaltet Räume. Tanz als kollektive Kunstform ist Triebkraft für innovative Arbeitsprozesse und solidarische Modelle des Teilens. Tanz bereichert Nachbarschaften und Kieze und trägt zu kultureller Bildung und gesellschaftlichem Zusammenhalt bei. Tanz hinterfragt Körpernormen und baut Barrieren ab. Tanz spricht ein internationales und diverses Publikum an. Und nicht zuletzt: Tanz ist in Berlin wie in kaum einer anderen Stadt präsent in vielfältigen ästhetischen Ausdrucksformen und zeigt immense Innovationskraft.

Die Berliner Tanzszene gilt als eine der größten der Welt. 

2500  berufstätige Tanzschaffende

1800  Vorstellungen im Jahr

40      dezentrale Präsentationsorte in Berlin

Berlins florierende professionelle Tanzszene ist weltweit einzigartig und erfährt international Bewunderung und Anerkennung. Der Tanz prägt die Attraktivität der Stadt wesentlich und trägt maßgeblich zum viel gerühmten Ruf Berlins als internationale Kunst- und Kulturhauptstadt bei.

Doch der exzellente Standort Berlins als Tanzhauptstadt steht auf dem Spiel.

Trotz eines Runden Tisch Tanz im Jahr 2018 mit 300 Beteiligten aus der Tanzszene, der Kulturpolitik und der Kulturverwaltung, trotz aller Ergebnisse aus externen und internen Evaluationen, trotz eines Aufwuchses der Gelder für den Tanz um ca. 8,5 Millionen €: 

Die Situation ist so prekär wie nie.

2300  der berufstätigen Tanzschaffenden Berlins agieren als Soloselbständige

60%   Tanzschaffende geben 2017 ein Jahresbruttoeinkommen von < 15.000€ an (RTT)

12.231 € durchschnittliches Jahresbruttoeinkommen 2021-2023 (Systemcheck BFDK)

9%    Förderquote Einzelprojektförderung Darstellende Künste + Tanz 2024

6%    Förderquote Recherchestipendium Darstellende Künste + Tanz 2024

31%  weniger Tanz in der Basis-/Konzeptförderung für Künstler*innen, Vgl. 2024 zu 2023

Der Etat im Berliner Kulturhaushalt für künstlerisches Arbeiten, Produzieren und Präsentieren, um den 2300 soloselbständige Tanzschaffende aller Generationen konkurrieren, beträgt 5 Millionen €. Beispielrechnung: Wäre die Freie Tanzszene Berlins ein Theaterhaus, müsste 94% der Mitarbeiter*innen gekündigt werden. 6% bekämen die Honoraruntergrenze.

Infrastruktur für den Tanz? Fehlanzeige!

0        Spielstätten mit alleinigem Programm Tanz und konstantem Haushaltstitel

4       Tanzcompagnien mit Haushaltstitel bilden die einzige feste Struktur für den Tanz

95%   des Tanzes in Berlin sind privatwirtschaftlich organisiert    

2        Millionen € für 7 Orte mit alleinigem Schwerpunkt Tanz

87      Millionen € für 4 deutschsprachige Sprechtheater

160    Millionen € für 3 Opernhäuser

Die Berliner Tanzszene ist geprägt durch ihre dezentrale Struktur: Häuser mit kuratiertem Programm existieren parallel zu kollektiv gestalteten Strukturen und Arbeitsräumen, die auch als Präsentationsorte dienen (z. B. ada Studio, Dock 11, HALLE Tanzbühne Berlin, Lake Studios, Tanzfabrik, Tanzkomplizen, Uferstudios, Wiesenburg mit alleinigem Schwerpunkt Tanz oder Sophiensaele, Radialsystem, HAU mit anteiligem Tanzprogramm). Steigende Mieten werden zunehmend zur Belastung für Künstler*innen und teils langjährig etablierte Orte. Das Studio laborgras etwa existiert nicht mehr, die Sophiensæle oder Fortuna sind in Gefahr. Neben den dezentralen Orten braucht Berlin zudem dringend ein Haus für Tanz und Choreografie und für dessen Umsetzung einen konkreten Zeit- und Stufenplan.

Ja, der Tanz hat seit dem Runden Tisch Tanz 2018 bis zum Jahr 2024 einen Aufwuchs von ca. 54% erfahren: Darin neben leichten Aufwüchsen in verschiedenen spartenübergreifenden Förderinstrumenten auch die genuin auf den Tanz zugeschnittenen Maßnahmen aus dem Runden Tisch Tanz, die mittlerweile - wenngleich unterfinanziert - fest im Berliner Haushalt verankert sind. Im gleichen Zeitraum ist allerdings auch der gesamte Kulturhaushalt angestiegen, nämlich um 100% von 500 Millionen auf 1 Milliarde €. Der Aufwuchs des Tanzes ist damit letztlich vor allem als Teil einer allgemeinen Entwicklung zu lesen.

Die Zahlen zeigen eindrücklich, wie weit die Schere zwischen der Produktivität des Berliner Tanzes und seiner Berücksichtigung im Kulturhaushalt auseinandergeht und unter welch prekären Bedingungen die Berliner Tanzkünstler*innen es noch schaffen, die künstlerische Exzellenz aufrechtzuerhalten. Dieses System wird zusammenbrechen und Berlin riskiert seine wohl internationalste Kunstform, wenn dem Tanz nicht bald ernsthafte Perspektiven gegeben werden. Perspektiven, die die Resilienz von Künstler*innen innerhalb einer ebenso resilienten, nachhaltigen Infrastruktur auf- und ausbauen. Wenn wir nicht wollen, dass sowohl Absolvent*innen des HZT Berlin als auch etablierte Tanzkünstler*innen abwandern, müssen die Forderungen des Tanzes endlich ernst genommen werden.

Hierfür braucht es selbstverständlich Geld. Sehr viel mehr Geld. Es braucht zusätzlich die Einsicht, dass das Tanzschaffen eine Erwerbstätigkeit ist und dass (Mindest-)Honorare im Jahr 2024 angesichts von Inflation und steigenden Mieten angepasst werden müssen. Es braucht ein Fördersystem, das im Sinne eines Mehrgenerationenhauses den Einstieg für die junge Tanzgeneration erleichtert; gleichzeitig die über Jahrzehnte gewachsenen Lebens- und Arbeitsbiografien der Berliner Tänzer*innen begleitet, damit sich deren exzellente Tanz-Arbeit verstetigen kann. Es braucht ein Fördersystem, das das momentan unwürdige Konkurrieren zwischen den verschiedenen Tänzer*innengenerationen verhindert und stattdessen ein gegenseitiges Lernen und Unterstützen, Nachhaltigkeit und Resilienz ermöglicht. Es braucht ein Fördersystem, das Perspektiven schafft und nicht – wie aktuell der Fall – künstlerische Lebens- und Arbeitsperspektiven aller Generationen zunichtemacht.

Es braucht ein Bekenntnis für den Tanz als eigenständige Kunstform mit gut ausgestatteter nachhaltiger Infrastruktur. Der Tanz muss endlich seiner marginalisierten Position im Künstekanon enthoben und förderpolitisch gleichgestellt werden.  

Im Berliner Kulturhaushalt befindet sich die Förderung des Berliner Tanzes zusammen mit den beiden weiteren Sparten Sprechtheater und Musiktheater in der sogenannten Maßnahmegruppe 02 “Bühnen/Tanz”. In Zahlen nimmt der Tanz in dieser Maßnahmegruppe aber keinesfalls ein Drittel ein, sondern 7% bzw. 8,8% der 347 Millionen € (je nachdem, ob Orte, die Tanz nur anteilig zeigen, mitgezählt werden oder nicht). 

Im Sinne einer ernsthaften Anerkennung des Tanzes fordern wir eine Angleichung an die Sparten Sprechtheater und Musiktheater, das heißt eine Anhebung des Satzes für die Sparte Tanz auf 33,3%. Wie wir dahin kommen, darüber gilt es zu sprechen. Jetzt! Mit einer Politik, die Tanz auf der Agenda hat und mit einer Verwaltung, die einer Szene zur Seite steht und ihre Bedenken, Ängste und Empfehlungen hört. 
 

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