edition January/February 2019

Klare Kanten, zarte Zukunft

100 jahre bauhaus: Wie an der Akademie der Künste aus dem Geist des Gestrigen ein Theater der Zukunft entsteht

"Triadisches Ballett" nach Oskar Schlemmer © Wilfried Hoesl

Mit einem Festival oder, wie es die Veranstalter formulieren, einem "Feuerwerk der Künste" startet im Januar an der Berliner Akademie der Künste das Bauhaus-Jahr 2019: Neun Tage Konzerte, Installationen, Theater, Tanz, Diskurs, Workshops und Club-Events. In der Tanzsparte mit dabei sind unter anderem Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett", eine Ikone aus der Bauhaus-Historie, und "Das Totale Tanz Theater" von Richard Siegal und Konsorten, der Entwurf einer Zukunftskunst. Arnd Wesemann hat sich für tanzraumberlin in die Bauhausbühnenkunst vertieft.

Arnd Wesemann
Tanzjournalist

Was geblieben ist im Jahr Einhundert nach dem Bauhaus in Weimar (ab 1919), Dessau (ab 1925) und Berlin (1932/33), ist eine Idylle. Spaziert man über eine große, gepflegte Wiese durch die Hufe­landsiedlung in Britz oder durch die "Weiße Stadt" in Reinickendorf, trifft ein geradliniges Balkonien zackig auf rechte Winkel, nicht brutal, sondern zart. Nichts anderes schaut mehr zurück als eine aufgeräumte, behagliche, durchaus bescheidene Berliner Bürgerlichkeit.
Sie ist die sichtbarste Folge jener vor hundert Jahren in Weimar eröffneten Schule, in der nach dem Ersten Weltkrieg der menschliche Körper als eine hochgradig verletzbare Nichtigkeit erlebt wurde und sich alle nach nichts als nach Ordnung und transparenten Strukturen zu sehnen scheinen. Das Design der Zeit, die klare Kante und ungebrochene Linie, wohnt auch mitten auf dem Weimarer Campus, in einem kleinen Probenraum gleich hinter der Kantine. Die Bauhausbühne dort dient als Werkstatt, als Labor, als eine Fabrik in dem Sinn, der heute noch im Begriff der Berliner "Tanzfabrik" enthalten ist. Sie war und ist ein Freiraum für die Forschung an geometrischen Konstrukten und ihrem Aufprall auf die menschliche Natur.

Der Mensch als vollkommener Mechanist
Geleitet hat diese Bühne ab 1925 der Bauhaus-Lehrer Oskar Schlemmer. Er, anders als seine Zeitgenossen, träumt ein "Theater der Totalität", um nicht länger auf der Bühne all die bedauernswerten Individuen in angestrengtem Realismus ansehen zu müssen. Es solle ein Theater her, in dem der Mensch "als ‚der vollkommene Mechanist‘ am Schalthebel der Zentrale" stünde, als ein wiederhergestelltes Individuum, um über sein eigenes "Fest des Auges" zu regieren. So formuliert es Schlemmer, der Erfinder des berühmten "Triadischen Balletts", in seiner Programmschrift "Die Bühne im Bauhaus". Auch sein Kollege und Mitstreiter László Moholy-Nagy empfand das Theater seiner Zeit nur mehr als eine Instanz von Propaganda und Werbung. Alle sind auf der Bühne bloß noch gehorsam: gegenüber dem Wort, der Partitur, der Tradition.
Schlemmers berühmtes "Triadisches Ballett" war ein Gegenentwurf dazu, bewegt von "Mechanisten", wie er seine abstrakt bleibenden Figuren nannte, zurückgeworfen auf industrielle Errungenschaften. Sie waren Träger schwerer Stäbe oder klobiger Kothurnen in derart geometrisch geformten Kostümen, dass diese jede Bewegung vorschrieben und alles vermeintlich Individuelle, das Geschlecht ebenso wie eine Botschaft, aus sich ausschlossen. Gerhard Bohner hat dieses Ballett später, 1977, nach Plänen von Oskar Schlemmer choreografiert. Die Rekonstruktion seiner Rekonstruktion besorgte 2014 das Bayerische Junior Ballett München. Federführend beteiligt war Bettina Wagner-Bergelt, damals stellvertretende Direktorin des Bayerischen Staatsballetts. Seit neuestem ist sie künstlerische Leiterin des Tanztheaters Wuppertal.

Avatare als Tanzschaffende der Zukunft
In dem kurzen Zeitraum zwischen ihren beiden Berufen hat sie für die Feierlichkeiten in der Akademie der Künste in deren Räumlichkeiten am Hanseatenweg ein wenig nachgedacht: Was wäre die Bauhausbühne heute? Hätte man sie verpflichtet, ihre Tradition zu bewahren? Immerhin werden Kandinskys "Bilder einer Ausstellung" (1928) ebenso gezeigt wie die solistischen Stäbe- und Reifentänze des katalanischen Choreografen Cesc Gelabert. Es gibt aber auch die Kür.
Sie nennt sich ganz nach Schlemmers Geschmack "Das Totale Tanz Theater". Es ist nur ein Highlight unter vielen. Verantwortlich dafür zeichnet ein Berliner Konsortium. Die Interactive Media Foundation, der Filmtank und die Software-Schmiede Artificial Rome baten den Choreografen Richard Siegal, seine Mitglieder der Kompanie Ballet of Difference einem besonderen Prozedere zu unterwerfen. Sie wurden digital in Avatare verwandelt, die dem Publikum in einem virtuellen Raum entgegen treten. Gekleidet in vier der Bauhaus-Tradition entlehnten Kostümen treten sie auf, mal in einer virtuellen Glas-Metall-Konstruktion, die beweglich am Körper mittanzt, mal in einem Kostüm aus einem gefächerten Papierschweif, in einem Kleid aus drei biegsamen Metallringen, die bei jedem Schritt mitschwingen, oder sie werden von mehreren Ballons getragen, die den Tanzenden eine leicht schwebende Haltung vorschreiben. Diese Avatare reagieren auf die eigenen Gesten, sogar ihren Schritt passen sie dem eigenen an. Als Tanzschaffende der Zukunft nehmen sie uns sanft an der Hand und steigen gemeinsam mit dem Publikum, wie eine Engelsschar, Hallelujah, zum virtuellen Himmel empor.

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