edition May/June 2020

Auf den Schirm geholt!

Dank Internet ist Tanz(theater) auch in Corona-Zeiten weiterhin rezipierbar. Sein Verhältnis zum Film erfährt dabei eine neue Aufmerksamkeit. Einige Beispiele digitaler Kompanie-Präsenz.

Tanztagebuch von Sasha Waltz & Guests: Zaratiana Randrianantenaina auf dem Dach ihres Hauses in einem Solo aus „gefaltet“ von Sasha Waltz © Screenshot aus dem Videoclip / Sasha Waltz & Guests

Die Kunstsparte Tanz lebt von Live-Aufführungen. Nun, da körperliche Kopräsenz nicht möglich ist, wandern Angebote ins Internet. Wie stehen künstlerische Formate jenseits abgefilmter Aufführungen in Verhältnis zum Medium Film? Ohne dessen Techniken und Ästhetiken wäre eine Verlegung des Tanzes ins Netz nur schwer denkbar, ist Christine Matschke überzeugt. Einige Beispiele digital dargebotener Choreografie trägt die Tanzjournalistin vor diesem Hintergrund zusammen.

Text: Christine Matschke
Tanzjournalistin

Als der Regisseur Wim Wenders 2011 seine Tanzfilm-Dokumentation „Pina“ in 3D herausbrachte, war das ein Kino-Erlebnis der besonderen Art: In Szenen aus vier der bekanntesten Stücke von Pina Bausch konnte man das Ensemble des Wuppertaler Tanztheaters quasi ‚hautnah‘ miterleben. Beim „Frühlingsopfer“ (1975) etwa, das neben den Stücken „Café Müller“ (1978), „Kontakthof“ (1978) und „Vollmond“ (2006) in Ausschnitten zu sehen war, schienen sich die Kinozuschauer*innen in direkter Nähe zur Hauptdarstellerin mit über die Bühne zu bewegen. Die simulierte Erfahrung, sich in eine Choreografie hineinzoomen zu können, geht weit über die Möglichkeiten klassischer Bühnen-Tanzproduktionen hinaus – eine ähnliche Zuschauerposition ließe sich wohl am ehesten im Kontext partizipativer und immersiver Aufführungsformate denken, in denen Publikum und Darsteller*innen räumlich näher aneinanderrücken.

Youtube-Tanz in Zeiten der Isolation

In Zeiten von Corona trägt am Theater keines der genannten Aufführungsmodelle: Eine Ansteckungsgefahr besteht mit und ohne vierte Wand. Ganz anders verhält es sich im virtuellen Raum des Internets. Mit der zunehmenden Veröffentlichung digitaler Tanzangebote im World Wide Web wird die Frage nach filmischen Darstellungsmöglichkeiten von Tanz erneut aufgeworfen. Die belgische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker etwa hat im Zuge der weltweiten Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen ihr Kooperationsprojekt „Re:Rosas“ (2013) wieder aufgenommen. Unter dem Titel Dance in times of isolation werden Interessierte via Tanz-Tutorials eingeladen, ihre eigene Version des 1983 entstandenen Vier-Frauen-Stücks „Rosas danst Rosas“ als Yotube-Video zu kreieren.
1997 erschien die berühmte filmische Neuinszenierung der Produktion von Musiker und Filmemacher Thierry de Mey. Ein Ausschnitt daraus ist auf der Website der Kompanie zu sehen.

Keersmaeker, die bereits seit 1990 eigene Werke verfilmte, führte erstmals 1994 für die Filmadaption von „Achterland“ (1990) Haupt-Regie. Als Gastspiel neben dem jüngeren Bühnenwerk „Rain“ (2016) musste das Stück vor Kurzem am Haus der Berliner Festspiele abgesagt werden und stand ersatzweise auf den entsprechenden Internetseiten in der Filmversion zur Verfügung. Weitere Verfilmungen von bzw. zu Werken von Keersmaeker können als Open-Stream fortlaufend auf der Kompanie-Seite abgerufen werden.

Details, die die Kamera sichtbar macht

Erfahrung mit Film hat auch Toula Limnaios. Die Berliner Choreografin, ausgebildet in Brüssel und an der Essener Folkwang Schule unter Pina Bausch, hat für ihr Publikum ein komplettes Online-Programm zusammengestellt. Von der Dokumentation über filmische Umsetzungen von Bühnenstücken bis hin zu einem ersten explizit für die Kamera gedrehten Tanzfilm bekommt man hier einen Eindruck von der ganzen Bandbreite des Filmtanzes. Im Medium Film sieht Limnaios eine Bereicherung für ihre Arbeit: „Tanz, den wir im Moment erleben, spiegelt nicht die Komplexität eines Bühnenstücks wider“, erzählt die Choreografin im Telefoninterview. „Das Auge der Kamera ist intimer. Es macht Details sichtbar, die live unsichtbar sind. Cut, Fade out, Zoom, Perspektiv- und Raumwechsel – all das ist auf der Bühne nicht möglich“.

Im Mai wird neben den Produktionen „shifted realities“ (2019) und „die einen, die anderen“ (2017) auch das Bühnenstück „La Salle“ (2015) in einer Filmversion von Walter Bickmann auf der Kompanie-Webseite zur Verfügung stehen. Inspirieren ließ sich Limnaios dabei von dem 1983 erschienen und rein auf Körpersprache setzenden Spielfilm „Le Bal“ des italienischen Regisseurs Ettore Scola. Wie bei Scola spielt Limnaios’ Stück in einem Ballsaal und lässt das Publikum von vier Seiten aus und sehr plastisch auf die Tänzer*innen blicken. Die filmische Adaption des Duetts „shifted realities“ (2019) wiederum oszilliert zwischen innerer und äußerer Welt – zwei Räume, im Bühnenbild abgetrennt durch eine Gaze, kann das Publikum durch die Kameralinse hindurch mit betreten. Neben „we are made“ (2016) hat Limnaios bereits Material für einen weiteren Tanzfilm gedreht. „Die Klage“, ebenfalls eine Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Kompanie-Tänzer Giacomo Corvaia, widmet sich dem Schicksal weiblicher Opfer des Bosnienkriegs.

Tanztagebuch in Solo-Szenen

Im Tanztheaterkontext ist auch die Berliner Kompanie Sasha Waltz & Guests anzusiedeln. Ihre mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete TV-Verfilmung des Bühnenstücks „Allee der Kosmonauten“ (1996) aus dem Jahr 1999 wirkt wie aus der Jetztzeit gegriffen: In einer Plattenbauwohnung im Berliner Stadtteil Marzahn hocken mehrere Generationen einer Familie aufeinander. Auf dem Bildschirm wirkt Sasha Waltz´ humorvoll in Szene gesetzte Choreografie räumlich noch begrenzter als in der Bühnenversion. „Die häusliche räumliche Enge, die uns durch die Corona-Pandemie auferlegt wird, ist eine große Herausforderung für den Tanz“, schreibt Kompanie-Direktor und Regisseur Jochen Sandig per Mail.

Seit Ende März filmen die Tänzer*innen der Kompanie größtenteils von zuhause aus ein Tanztagebuch. Auf den Dächern, in den Treppenhäusern und Wohnungen Berlins sowie teilweise auch in der Natur interpretieren sie selbstausgewählte Szenen aus Werken von Sasha Waltz in Solos und Duetten neu: „Die Entscheidung für den richtigen festen oder auch beweglichen Blickwinkel ist sehr wichtig. Häufig werden die Szenen als Plansequenz mit einer festen Einstellung umgesetzt. Wechselschnitte von Close Up zur Totalen können den Aufnahmen eine zusätzliche Spannung verleihen. Entscheidend für das von Sasha Waltz initiierte Projekt ist jedoch die authentische Situation der Tänzer*innen, die auch häufig ihre persönliche Situation zwischen Melancholie und Hoffnung reflektiert“, so Sandig. Für Anfang April war eine Retrospektive zu Sasha Waltz an der Berliner Volksbühne angekündigt. Ein Teil des Programms ist nun noch bis Anfang Mai bei arte concert zu sehen. Mit Blick auf die aktuellen digitalen Tanzangebote wird klar: Das Potenzial filmischen Tanzes ist noch lange nicht ausgeschöpft.    ◂

 

 

 

 

„nobody“: www.arte.tv/de/videos/027862-000-A/nobody-von-sasha-waltz/
„Allee der Kosmonauten“:
www.arte.tv/de/videos/019422-000-A/allee-der-kosmonauten-von-sasha-waltz/
„Kreatur“: www.arte.tv/de/videos/079464-000-A/sasha-waltz-guests-kreatur/

www.tanzforumberlin.de
www.walterbickmann.de

Rosas
„Re:Rosas“-Projekt (in Koop mit fabuleus) & Tanzfilme zu/von Anne Teresa De Keersmaeker
fortlaufend seit 2013 & teilweise noch abrufbar
www.rosas.be
cie. toula limnaios
Film-Online-Programm mit Dokumentationen, Filmadaptionen, Porträts und Tanzfilmen
wöchentlich wechselndes Programm seit 27. März 2020
www.toula.de
Sasha Waltz & Guests
Tanztagebuch
alle zwei Tage neu, seit 30. März 2020
www.sashawaltz.de
Sasha Waltz & Guests
Allee der Kosmonauten, noBody, Kreatur
noch bis 8. bzw. 9. Mai 2020
ARTE concert und Kompanie-Webseite
www.sashawaltz.de
Tanzforum Berlin
www.tanzforumberlin.de

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