edition May/June 2020

„Andere Räume“ in Zeiten von Corona?

Statt für Veranstaltungen werben die Uferstudios im Wedding für Solidarität in der Corona-Krise. © Felicitas Zeeden /Tanzfabrik Berlin

Was vom Tanz ohne Körper(kontakt) bleibt, wollte tanzraumberlin von Susanne ­Foellmer wissen. Die Frage gab die Tanzwissenschaftlerin an die Künstler*innen weiter, deren Statements ihrem Essay in dieser Ausgabe folgen. Kritisch nachgedacht über die Corona-Situation hat die in Coventry forschende und sich derzeit in Berlin aufhaltende Wissenschaftlerin mit Blick auf Räume: Für sie ist das Verfügen über Raum ein Privileg, das Wohlbefinden und im Extremfall auch das Überleben garantiert.

Text: Susanne Foellmer
Tanzwissenschaftlerin

Das ist die Situation: Wir ziehen uns zurück. In Innenräume, in mehr oder weniger geschlossene Wohneinheiten. Mit Wenigen oder allein. Wir haben den Luxus, das Privileg, das zu tun. Hier, in Deutschland (zumeist), und auch anderswo. Davon später mehr.

Künstler*innen, und im Kontext dieses Journals besonders Tänzer*innen, Choreograf*innen, Produktionsleitende, Pressemenschen, Bühnentechniker*innen, … stehen nun vor einer freischaffenden Leere: keine Aufträge, keine Arbeit, abgesagte Produktionen oder Gastspiele, keine Workshops, kein Unterricht, keine Körper-Arbeit. Davon wird in der Ausgabe dieses Magazins ein Bild gezeichnet. Ich darf es kontextualisieren.

Freilich bin ich derzeit nicht die Einzige, der dabei sogleich Bedenken kommen. Sie haben zweierlei Gestalt: Zum einen stellt sich die Frage nach der „Machbarkeit“. Wie rahmt man eine Situation, die sich für uns alle derzeit als Überwältigungsszenario darstellt? Wie lässt sich reflektierende Distanz nehmen, wenn man, wie wir alle, gerade so mittendrin steckt? Schlicht zu beschreiben was man beobachtet, erscheint naheliegender. Zum anderen werden ethische Fragen laut und so fragt man sich mit Foucault einmal mehr: Wer spricht? Wer analysiert? Und kontextualisiert?

Zugleich sind solche Überlegungen freilich wohlfeil. Oder wie V. Ramaswamy Anfang April in der Süddeutschen Zeitung treffend bemerkt: „Nur jemand in einer privilegierten, einigermaßen abgesicherten Situation kann sich überhaupt den Luxus leisten, ‚zu denken‘“ – oder, wie ich gerne ergänzen würde, sich ethische Fragen des Schreibendürfens zu stellen. Ramaswamy spricht konkret darüber, was der so bezeichnete „Lockdown“ in seinem Land und im Leben der indischen Bevölkerung bedeutet, und wer sich soziale Distanz buchstäblich leisten kann und wer nicht. Denken ist hier nun kein Merkmal besonders privilegierter (reicher) Bürger*innen – denn freilich denken wir alle –, sondern steht vielmehr für das Privileg, über Denk-Räume verfügen zu können, so meine ich. Das heißt, buchstäblich die Freiheit zu haben, nach-zu-denken (frei von Geldsorgen, frei von Enge oder Wohnungslosigkeit).

Verlagert ins Flache
Seit wir uns in dieser Situation befinden, drängt sich mir verstärkt die Frage nach Raum, nach Räumen auf – was freilich wenig überrascht. Die pandemische Lage vereitelt derzeit so vieles, was Tanz ausmacht, wie Körperkontakte, gemeinsames Sich-Bewegen, Mobilisieren, Kollaborieren in physischer Kopräsenz. Oder schlicht die Berliner und international tanzszenische wunderbare Angewohnheit, sich beim Begrüßen zu umarmen. Wie wir alle höre und sehe ich, wie schwierig es nun ist, sich um-zu-stellen, zu versuchen, das, was sonst vehement nach Dreidimensionalität und Gemeinschaft verlangt, in die Sphären des Flachen, der Bildschirme zu verlagern (wenn man die Möglichkeiten dazu hat). Beim Verfassen dieses Textes kursieren bereits seit Wochen Tutorials mit hilfreichen Tipps, um Tanzklassen auch online zu unterrichten, Netflix bietet Film-„Partys“ an: allein gemeinsam synchron sein. Und immer wieder geht es dabei um Räume, auch jene des Internets (einige von uns erinnern sich vielleicht noch an die TV-Werbung eines Internetanbieters, in dem ein nun endlich vernetzter Kunde glücklich ausrief: „Ich bin drin!“).

Sybille Krämer spricht in ihrem Aufsatz „Flattening as Cultural Technique“ von einer Kulturtechnik des Verflachens, des Plättens von Inhalten gewissermaßen, die allerdings nicht erst unser digitales Zeitalter auszeichne. Geografische Räume werden beispielsweise in Landkarten verflacht, um sie operabel, das heißt, navigierbar zu machen. Wenn es auch solche Un-Tiefen empirisch im Grunde nicht gebe, so diene das Einebnen doch dazu, komplexe Konstellationen in repräsentierbare, analysierbare zu überführen. Entwicklungen in Kunst und Wissenschaft seien, so Krämer, ohne das Verflachen nicht denkbar. Wie steht es da aber um den Tanz, eine (zeit-)räumliche Kunstform par excellence? Wie ergeht es seinen meist körperbasierten Bewegungskonstellationen in der derzeit offenbar notwendigen digitalen Plättung? Und was ist mit sozialen und politischen Räumen, die derzeit auf Privatniveau verkleinert und doch, mehr denn je, durch Flach-Bildschirme vernetzt sind?

Ausgedehnte Kinesphären
Rudolf von Laban hat das Konzept der Kine­sphäre geprägt, eines körperlichen Um-Raums, der im Grunde auf die Reichweite der eigenen Gliedmaßen beschränkt ist (oder ausgedehnt, je nach Blickwinkel). In den letzten Wochen erleben wir, dass sich dieser Umraum notwendig erweitern muss. Besonders in der Stadt schlängeln und kurven wir nun mit gebührenden anderthalb Metern Abstand um unsere Mitmenschen herum. Berlin wird langsamer und höflicher, so jedenfalls mein Eindruck. Eine meiner Kolleg*innen bemerkte neulich, dass Tänzer*innen dabei gewissermaßen Vorteile hätten, da sie ohnehin beständig verschiedenste Räume navigieren würden und folglich mit solchen neuen räumlichen Anordnungen besonders leicht umgehen könnten oder zumindest gut darauf vorbereitet seien. Ist das so? Sind hierfür besondere Fähigkeiten vonnöten? Ich beobachte vielmehr, dass sich zurzeit erstaunlich viele Menschen rasch adaptieren, Distanz nehmen, antizipieren, wohin das Gegenüber sich wenden könnte und bisweilen den Vortritt lassen. Das geht recht gut, auch in Berlin. Und das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Die ausgedehnte Kinesphäre erweist sich als Notwendigkeit – und Luxus zugleich, wenn wir andere Orte auf diesem Planeten in Betracht ziehen. Etwa brasilianische Favelas oder indische Städte, in denen sich oftmals Familien mit fünf oder mehr Mitgliedern ein kleines Neun-Quadratmeter-Zimmer teilen müssen, wie Ramaswamy beschreibt. Kein Abstand zueinander, gar keine Privatsphäre und obendrein das Problem, als „informelle Arbeiter“, wie er sie bezeichnet – also Fahrer*innen, Lieferant*innen, Hausbedienstete und dergleichen mehr –, den Lebensunterhalt bestreiten zu müssen oder, wie eben jetzt, gar nichts zu haben. So weit muss man allerdings nicht einmal schweifen.

Süd-London etwa böte ‚gute‘ Verbreitungsbedingungen für das Coronavirus, weil dort immer noch slumartige Zustände herrschten wie man sie aus viktorianischen Zeiten kenne, hieß es Mitte April im Guardian. Eine siebenköpfige Familie drängt sich im winzigen Zimmer einer sogenannten „multiple occupation“-Unterkunft. Distanz ist unmöglich, Ansteckung wahrscheinlich, denn um Geld zu verdienen, muss der Vater weiter als Pizzalieferant arbeiten. Zurück in Berlin sind es Obdachlose, die sich fragen müssen, wie Schutz gelingen könnte. Hier werden nun Hostels, die derzeit ohnehin leer stehen, als Unterkunft gewährt, in London sind es brach liegende Hotels (der advocatus diaboli fragt freilich, was nach Corona passiert, denn hier scheint doch weniger Barmherzigkeit als vielmehr striktes Pandemiemanagement den Ton anzugeben).

Wohnräume: Bühnen des Privaten
Unsere persönlichen Räume sind unser Rückzugsort, eher unfreiwillig im Moment, und sie sind in diesen Ausnahmezuständen auch unser Wohlstand. Überdies gewähren sie im Zeitalter des Videoconferencing ungewohnte Einblicke in die Bühnen des Privatlebens. Der Verfechter körperlicher Sprache und Dramatiker Valère Novarina konstatiert in seinem Buch „Lichter des Körpers“: „Auf der Bühne tut man gewöhnlich alles, um Einblicke zu vermeiden.“ Er fordert: „Man soll im Gegenteil die Ränder öffnen, an den Säumen spielen.“ Auch wenn Novarina hier noch von einem traditionellen, illusionäre Verhüllungen favorisierenden Theatermodell ausgeht, so verweist seine Idee doch auf einen interessanten Moment in unserer nun mehr denn je verquickten Lebens- und Arbeitswelt, in Wohn-Orten und Leistungs-Räumen, in denen sich gewissermaßen die „Säume“ unseres nicht immer auf Hochglanz polierten Lebens zeigen: Hauskatzen streifen durch’s Skype-Bild, das Baby meiner Kollegin schreit und wird von ihr zwischendurch auf dem Arm beruhigt, die kleine Tochter einer anderen Kollegin zeigt das Bild, das sie gerade gemalt hat, weil sie damit natürlich nicht warten kann bis das Meeting zu Ende ist (und wieso sollte sie auch). Treffen beginnen mit dem persönlichen Austausch und bieten Einblicke und Ansichten in Wohn- und Arbeitszimmer oder auch Küchen und Flure, je nachdem wo eben Platz und Ruhe zu finden ist. Beim jüngsten #WirVsVirus-Hackathon, in dem von Nachbarschaftshilfe bis Arbeitsverteilung App-basierte Lösungen zum Kampf gegen das Coronavirus entwickelt wurden, konnte man die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung Dorothee Bär im saloppen Hausanzug auf dem heimischen Sofa sitzen sehen.

Diese Formen von Arbeit finden nun also an den Rändern des Intimen statt: Das Private ist das neue Öffentliche – mit all seinen Liebenswürdigkeiten und freilich auch überwachungsbasierten mikropolitischen Gefahren, wie Paul B. Preciado im Vorabdruck seines aktuellen Buches „Ein Apartment auf dem Uranus“ auf der Webseite des HAU Hebbel am Ufer überzeugend argumentiert.
Und noch andere Räume oder vielmehr Beziehungen öffnen sich zunehmend oder werden überhaupt erst etabliert: Wer von uns in der Großstadt Lebende*r kannte denn wirklich alle Nachbar*innen oder hat es bislang für notwendig erachtet, zu überlegen, wer im Haus alt oder krank sein und folglich Hilfe benötigen könnte?

Un-Möglichkeitsräume
Auf politischer Ebene wiederum entstehen nun gleichsam blitzartig und sicher eher unfreiwillig Handlungsspielräume, vor denen sich die einen immer fürchteten und von denen die anderen nur zu träumen wagten, so etwa in Großbritannien, meinem derzeitigen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt. Die an den populistischen rechten Rand gerückte britische Tory-Partei schüttet nun mit einem Mal Geld in Massen aus, das es vorher angeblich nie gab. Viele Angestellte und Arbeiter*innen erhalten derzeit 80 Prozent ihres Gehaltes, um sie vor dem Arbeitsplatzverlust zu schützen, und nach einigen Protesten werden nun auch Künstler*innen und Freiberufler*innen bedacht. Die massiven Einnahmeverluste der diversen privatisierten Bahnunternehmen werden von der britischen Regierung in einer Weise abgefedert, dass die Bahn im Grunde als spontan, wenn auch temporär, verstaatlicht betrachtet werden müsse, wie der Guardian bemerkt (vor nicht allzu langer Zeit wurden Mitglieder der Labour-Partei dafür noch als realitätsferne Spinner abgetan). In Deutschland geschieht Ähnliches und es bleibt zu hoffen, dass auch die Künste auf lange Sicht als „systemrelevant“ erachtet werden.

Andere Länder und ihre Bevölkerungen haben weniger Glück, keine Netzwerke, keinen Puffer – von Indien oder Brasilien war exemplarisch schon die Rede. Hier wie aber auch in Italien oder eben Großbritannien zeigt sich überdies derzeit ganz offen die Brutalität neoliberaler Machtverteilung, die sich auf einige simple Nenner bringen lässt: einen Rückzugsraum zu haben oder nicht, arbeiten zu können oder nicht, und damit: zu leben – oder nicht. Achille Mbembe spricht im Kontext postkolonialer Macht in afrikanischen Staaten von der sogenannten „necropower“. Hat Foucault den Begriff der Biopolitik und Bio-Macht geprägt, als Verfügung über und Disziplinierung von menschlichen (Staats-)Bürger-Körpern, so dreht Mbembe das Konzept im Sinne einer „necropower“ um. Basierend auf dem historischen Kontext kolonialer Ausbeutung geht Herrschaft und (staatliche) Souveränität demnach immer mit dem Vermögen einher, über Leben und Tod entscheiden zu können, darüber, wer „verzichtbar“ ist und wer nicht. Exemplarisch sind dafür Sklavenhaltung, aber auch aktuelle Kriege um Rohstoffe und Maßnahmen zur vorgeblichen Terrorabwehr, wie Mbembe in seinem Buch „Necropolitics“ schreibt. Zu ergänzen wären: Lager mit Geflüchteten in Griechenland.

Nekropolitische Grenzen
Warum erwähne ich das hier? Mbembe zieht die Townships in seinem Heimatland Südafrika als Beispiel für eine „world without spaciousness“ heran: (Ehemals) Kolonisierte, die dicht gedrängt wohnen und deren Leben wenig wert zu sein scheint. Raum zu haben ist unschätzbares Gut und entscheidet im Ernstfall über das (Weiter-)Leben an sich. Erleben wir nun in dieser Pandemie Ähnliches? In Krankenhäusern etwa, die nach dem Triage-System entscheiden müssen, wer fit und „nützlich“ genug ist, um weiterbeatmet zu werden, weil es an Geräten mangelt?

Doch noch mal: Warum erwähne ich das hier? Ich komme an den Anfang zurück, zur Frage nach der Ethik, diese Zeit reflektierend zu umsäumen. ­Preciado nimmt die Coronavirus-Pandemie zum Anlass, vor der endgültigen staatlichen Durchdringung des privaten Lebens zu warnen und bezeichnet die derzeit proliferierenden Überwachungstechnologien als „pharmapornografisch“, da sie unser Intimstes durchdringen und preisgeben würden. Zugleich kritisiert er die Disziplinierung des alltäglichen Lebens, die in der Bewegungs-Beschränkung ihren aktuellsten Ausdruck finde, und vergleicht diese mit den Erfahrungen Geflüchteter, etwa in Calais oder Lampedusa: „Die neue nekropolitische Grenze hat sich von den griechischen Küsten an die heimische Wohnungstür verlagert. Lesbos beginnt jetzt auf deiner Schwelle“.

Da kann ich einfach nur sagen: Nein, tut es nicht. Wir (wenn ich das sagen kann, und damit meine ich die meisten von uns, die Diskursen wie etwa jenen von Preciado folgen) erleben hier vielmehr den Luxus geschützter Räume, in denen wir leben und überleben können und in denen wir uns auf Distanz und in virtuellen Räumen mit Anderen bewegen, um getrennt zusammen zu sein. Um zu helfen, um zu kritisieren, und um nicht zuletzt Bewegung in aktuelle und künftige Debatten zu bringen.   

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